Analyse
Deutschrap: Zwischen Pöbelei und tiefer Botschaft

Berlin/Münster -

Der Deutschrap und einige seiner Protagonisten geraten mehr und mehr wegen verbaler Entgleisungen in die Kritik. Doch die Szene ist vielschichtiger und keineswegs nur auf Krawall oder Provokation gebürstet. Eine kleine Analyse.

Dienstag, 10.03.2020, 18:26 Uhr aktualisiert: 10.03.2020, 19:12 Uhr
Der in Berlin geborene Rapper Fler bei einem Bühnen-Auftritt. Nach einer angeblichen Attacke auf ein Fernsehteam wurde der 37-Jährige am Dienstag in Berlin-Zehlendorf verhaftet, dann aber doch wieder auf freien Fuß gesetzt. Foto: dpa

„Prügelattacke“, „Gewaltpornos“, „frauenfeindlich“ – solche und andere hässliche Begriffe tauchen auf, wenn man sich in der Berichterstattung der vergangenen Tage zum Thema „Deutschrap“ umsieht. Fler ist ein Name, der seit der vergangenen Woche besonders häufig im Zusammenhang mit negativen Schlagzeilen fällt. Angefangen bei Gewaltandrohungen gegenüber Terre-des-Femmes-Aktivistinnen über Beleidigungen und ebenfalls Bedrohungen des Comedians Shahak Shapira bis hin zum angeblichen Einprügeln auf einen Kameramann von RTL. Die Polizei nahm Fler am Dienstag in Berlin fest. Der Ermittlungsrichter habe dann aber Zweifel am dringenden Tatverdacht geäußert und den 37-Jährigen wieder entlassen, teilte der Generalstaatsanwalt mit.

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Was zumeist auf solche Eskapaden von Rappern mit ähnlicher Popularität wie Fler folgt, sind Fragezeichen-Texte à la „Hat Deutschrap ein (Gewalt-)Problem?“ und „Wie sexistisch ist Deutschrap?“. Fragen, die ein Genre, eine ganze Szene lediglich auf Personen beschränken, denen es offensichtlich an grundlegender Sozialkompetenz und Respekt vor so ziemlich allem und jedem mangelt.

Sexismus, Gewalt, Rassismus und Co.

Die Probleme, die der Deutschrap haben soll, sind keine, die sich nur dort finden lassen. Sexismus, Gewalt gegenüber Frauen, Genderfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus gelten als gesamtgesellschaftliche Probleme. Frauen verdienen in Deutschland durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer, sofern man alle strukturellen Unterschiede dabei vernachlässigt. Über 114.000 Frauen waren 2018 Opfer von Partnerschaftsgewalt. Am 19. Februar erschoss ein Mann mit einem rassistischen Motiv neun Menschen in Hanau.

Zudem sind diese Probleme auch in anderen Musik-Genres zu finden. Sexismus ist nicht nur dort, wo Frauen ungefiltert als „Huren“ und „Schlampen“ bezeichnet werden, sondern auch dort, wo sie gegeneinander bemessen werden. Dort, wo Frauen „loyal“ sein sollen und möglichst „unberührt“, was sie dann nicht mehr sind, sobald sie mehrere Sex-Partner haben. Doch das Thema wird nicht weniger sexistisch, wenn es in einem scheinbar schmeichelhaften Text zwischen den Zeilen geschrieben steht. Rap als Kunstform lebt davon, offensiv zu sein. Hier ist nichts in eine schöne Hülle verpackt, sondern wird direkt ausgesprochen.

Es gibt nicht nur die „Problem-Rapper“

Dass Fler und Gzuz und zahlreiche weitere Rapper mit ihren menschenverachtenden Texten Erfolg haben, ist weniger bezeichnend für eine bestimmte Szene, sondern viel mehr für eine Gesellschaft, die solche Aussagen und Handlungen toleriert. Völlig unbeachtet bleiben bei der Fokussierung auf die „Problem-Rapper“ Künstlerinnen und Künstler, die es schaffen, ihre Texte frei von Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Rassismus und Antisemitismus zu verfassen. Künstler, die in ihren Texten oftmals aktuelle Debatten aufgreifen und sich an ihnen abarbeiten.

In seinem Song „9010“ rappt Kummer über rechte Gewalt und Neonazis. Trettmann macht mit dem gleichnamigen Track auf die Stolpersteine aufmerksam, die europaweit an die Ermordung der sechs Millionen Jüdinnen und Juden im Holocaust erinnern sollen. OG Keemo thematisiert Rassismus und Polizeigewalt, vor allem gegenüber nicht-weißen Menschen. Juicy Gay gab zuletzt ein klares Statement gegen Rechtspopulismus und veröffentlichte den Song „Björn Höcke ist ein Faschist“.

Viele deutschsprachige Rapperinnen und Rapper machen Liebe, Traumata, Familie und auch psychische Krankheiten zu Themen ihrer Alben. Sie schreiben kluge Texte, mal vollkommen frei von irgendeiner tieferen Botschaft, mal durchzogen von heftigem Zynismus, Sarkasmus und tragischem Weltschmerz. Am Ende ist es jedoch immer so, dass der größte Schreihals, der am meisten polarisiert, die meiste Aufmerksamkeit erhält. Und so bleibt am Ende schließlich häufig das Bild, dass Deutschrap nur pöbeln und prügeln kann.

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