Heinz Rudolf Kunze im Interview
"Wir haben eine Verantwortung"

Münster -

Ende Februar hat Heinz Rudolf Kunze sein neues Album „Der Wahrheit die Ehre“ veröffentlicht. Der 64-Jährige klingt darauf so frisch und rockig, wie lange nicht mehr. Und er schlägt deutlich gesellschaftskritische Worte an. Wir haben mit ihm über Politik, die Plattenindustrie und über Prince gesprochen.

Mittwoch, 08.04.2020, 06:30 Uhr
Heinz Rudolf Kunze hat mit „Der Wahrheit die Ehre“ nach eigenen Angaben sein besten Album seit 20 Jahren veröffentlicht. Foto: Martin Huch

Der letzte Song auf Ihrem neuen Album „Der Wahrheit die Ehre“ heißt „Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort“ und ist nach der Wahl in Thüringen entstanden. Jetzt gab es Neuwahlen. Haben Sie die verfolgt?

Heinz Rudolf Kunze: Das Ergebnis habe ich mitbekommen.

Sind Sie zufriedener?

Kunze: Zufrieden kann man nach dem Schaden, der für die Demokratie angerichtet worden ist, nicht sein. Wir reden von Schadensbegrenzung. Die Hängepartie, die ein Jahr weitergehen soll, ist eine fragwürdige Schmierenkomödie aus eigennützigen egoistischen Motiven der Politiker. Man hätte schneller Neuwahlen ansetzen können, denn eine Minderheitsregierung mit der der Duldung der Union, kann doch politisch nichts gestalten. Das ist ein Schrecken ohne Ende, den wir alle jetzt ein Jahr lang ertragen müssen. Aber nachdem sie alle den Karren derart in die Scheiße gefahren haben, gab es leider kaum eine andere Möglichkeit, als so zu verfahren.

Das neue Album ist auf Platz 3 in Deutschland gechartet. Das ist Ihre beste Positionierung bisher, oder?

Kunze: Ja. „Brille“ hat es auf Platz 4 geschafft und „Dein ist mein ganzes Herz“ auf Platz 8, hat aber damals in einer Woche bereits 200 000 Stück verkauft. Davon kann man heute nur träumen (lacht). Die Platzierung hat mich sehr gefreut, vor allem, dass sich das riesige Engagement meines Managers – der jetzt auch mein Plattenchef ist – ausgezahlt hat und belohnt worden ist. Daran kann man exemplarisch sehen, was eine kleine, aber feine Plattenfirma heutzutage bewegen kann, wenn die sie sich richtig dahinterklemmt.

Wo Sie gerade das Album „Brille“ erwähnen. Irgendwo habe ich Sie mal als den deutschen Elvis Costello bezeichnet.

Kunze: Gut, das ist mit der Brille auch naheliegend. Meinen Durchbruch hatte ich damals mit „Dein ist mein ganzes Herz“ als ich in der ARD zu Margarethe Schreinemakers gesagt habe, ich sei die deutsche Antwort auf Prince. Weil ich damals sehr schrille Auftrittsklamotten – unter anderem ein rosa Rüschenhemd – anhatte, die ein bisschen an Paisley Park erinnerten. Und die Antwort, dass ich mir anmaße, die Antwort auf Prince zu sein, ist natürlich noch spektakulärer als die naheliegendere Antwort, ich sei die Antwort auf Elvis Costello (lacht). Gegen beide Vergleiche habe ich aber nichts einzuwenden, das sind beides kompetente Künstler.

Platz 3 bedeutet, dass einem durchaus mehr Gehör geschenkt wird. Glauben Sie denn, dass Ihre Texte auch mehr Anklang finden?

Kunze: Das weiß ich nicht, weil das nicht in Erfahrung zu bringen ist. Ich müsste spekulieren. Aber die Reaktionen, die ich bisher im Netz gelesen habe, freuen sich darüber, dass „Der Wahrheit die Ehre“ konsequenter sei, als die letzten Alben. Damit haben sie insofern recht, als dass es auf den letzten drei oder vier regulären Alben immer auch ein oder zwei versöhnlichere Songs gegeben hat, die auf das deutsche Radio abgezielt haben. Das hat sogar funktioniert. Wir hatten in den deutschnationalen Radio-Charts – wie sie krachledern heißen – sogar mehrere Nummer-1- und Nummer-2-Hits. Für den Verkauf der Alben hat es allerdings nichts genützt. Titel wie „Hallo Himmel“, „Das Paradies ist hier“ und „Ich sag‘s dir gerne tausendmal“ sind in der Sparte Schlager sehr gut gelaufen: Nur da wollten wir eigentlich nie hin.

Wer kommt denn auf die Idee, Sie im Schlager zu verorten?

Kunze: Eben, das will ich auch gar nicht. Aber wir, kamen im „normalen“ Radio nicht mehr vor.

Wann haben Sie denn das letzte Mal einen eigenen Song von Ihnen im „normalen“ Radio gehört?

Kunze: Naja, man müsste definieren, was „normales“ Radio ist. Also NDR 1 ist bekannt für seine Schlager-Welle, die haben sich jetzt aber auch für Deutschrock geöffnet. Da laufe ich fast jeden Tag. Aber auf den sogenannten Jugend-Wellen werde ich automatisch aussortiert, weil ich ein gewisses Alter erreicht habe.

Müsste ein hipper DJ Sie remixen, damit Sie dort präsent wären?

Kunze: Das weiß ich nicht.

Wegen des erreichten Alters nicht im Radio gespielt zu werden, ist doch albern.

Kunze: Die Promoter haben mir 1996 bereits berichtet, dass Radiomacher meine Single „Halts Maul“ vom Album „Richter Skala“ mit der Begründung abgelehnt hätten, dass sie zwar den Song geil fänden, aber ihn lieber von den Ärzten hören würden – und nicht von Heinz Rudolf Kunze. Damit müssen wir als Profis versuchen umzugehen. Zum Glück war es dieses Mal anders. Mein Manager Matthias Winkler hat darauf keine Rücksicht genommen und gesagt, gib Vollgas und mach, was du willst. Und das habe ich zusammen mit meinem neuen, wunderbaren Produzenten Udo Rinklin gemacht. Und es scheint den Leuten deutlich besser zu gefallen.

Sie haben gesagt, es sei Ihr bestes Album seit 20 Jahren.

Kunze: Korrekt.

Das liegt aber doch nicht allein am Produzenten, oder? Vielleicht lag die Fokussierung in den vergangenen Jahren eher nicht bei der Musik. Sie haben so viele andere Dinge gemacht: Schauspielerei, Kinderbücher und so weiter.

Kunze: Nein, wir geben bei all unseren Alben immer das Beste: Konzentriert, mit viel Herzblut und Engagement. Die Mixtur muss stimmen. Und auch auf „Der Wahrheit die Ehre“ geht es ja nicht nur um Politik. Es geht um Gesellschaft und. Aber alle Titel klingen irgendwie frischer. Selbst eine Ballade wie „Nimm mit mir vorlieb“ klingt knackiger. Auch wenn wir das Rad nicht neu erfunden haben, lässt unser Produzent die Band anders klingen als früher. Als ich den ersten Mix gehört habe, war ich ganz irritiert und habe mich gefragt, sind wir das? Und mir hat das sehr gut gefallen, dass ich so irritiert war.

Es klingt auch treibender und rockiger.

Kunze: Udo Rinklin ist zehn Jahre jünger als ich und noch genügend von Indie, ich eher von Classic Rock beeinflusst.

Apropos Classic Rock. Sie haben die Lyrics von Bruce-Springsteen-Songs ins Deutsche übersetzt. Was ist Ihr Lieblingssong vom Boss?

Kunze: „Tougher Than the Rest” von „Tunnel of Love”. Immer gewesen und wird es wohl auch immer bleiben.

Ungewöhnlich. Die meisten bevorzugen doch „Thunder Road“ oder „Born in the USA“.

Kunze: Die Springsteen-Kenner, die ich auch persönlich kenne, nennen alle „Tunnel of Love“ als ihr Lieblingsalbum. Ich übrigens auch. Er will auf dem Album nicht so viel beweisen, wie auf einigen vorherigen Album (lacht).

Zurück zu Ihrem aktuellen Album. Es geht in dem Song „Mit welchem Recht“ um eine Thematik, die Sie bereits auf dem Song „Aller Herren Länder“ angesprochen haben. Ich weiß gerade gar nicht, wie lange das her ist…

Kunze: … 1999 auf dem Album „Korrekt“, das letzte Album, das so gut ist, wie das neue (lacht).

Beide Songs sind aufgrund der Situation in Griechenland und der Türkei aktueller denn je. Obwohl „Mit welchem Recht“ garantiert vorher entstanden ist. Was war der Auslöser für das Lied?

Kunze: Mir ist aus irgendeinem Grund Norbert Blüm wieder eingefallen. Ich habe ihn selbst mal kennengelernt: ein sehr netter, nachdenklicher und angenehmer Mann. Und wie er mit dieser elementaren Frage – also „Mit welchem Recht?“ – das eitle Gegacker in Talkshows zum Schweigen bringen konnte, war schon imposant.

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Würden Sie sich mehr deutsche Musiker wünschen, die sich genau wie Sie positionieren. Die auch mal sagen, es reicht?

Kunze: Ich weiß von Herbert (Grönemeyer, Anmk. der Redaktion), dass er sich auf seinen Konzerten äußert. Mit seinen Platten bin ich nicht so vertraut, deshalb kann ich nicht sagen, ob er auch darüber singt. Was ich mir wünsche, spielt aber keine Rolle, ich bin nur verwundert, dass es offensichtlich so wenige tun. Wir haben als Künstler eine Verantwortung. Und ich glaube, dass das Publikum das von uns erwartet. Es gehört zu unserer Arbeit, darüber Lieder zu schreiben und nicht nur irgendwelche Sachen auf der Bühne mit großem Gedonner rauszulassen. Es gibt doch genügend Fuzzies, die alles durch die rosarote Brille sehen und Trallala singen – da müssen wir uns doch nicht einreihen.

In Österreich hat die Jahrzehnte andauernde große Koalition auch die politischen Ränder gestärkt. In Deutschland ist es jetzt nicht anders. Welche Gründe gibt es noch? Das Bildungssystem vielleicht?

Kunze: Die große Koalition war ja keine Liebesheirat. Sie war, wie Frau Merkel sagen würde, alternativlos. In meinen Solo-Shows, mit denen ich durchs Land ziehe, ist die Bildungspolitik eins der Lieblingsthemen meiner Sprechtexte. Ich bin schließlich gelernter Lehrer, auch wenn ich es nie ausgeübt habe. Ich glaube, dass Deutschland schon seit den 60er Jahren dabei ist, seinen einzigen wirklichen Rohstoff - nämlich Wissen und Bildung - zu verspielen. Vor 110 Jahren war Deutschland die Wissensadresse der Welt. Alle Studenten, die irgendwo auf der Welt etwas werden wollten, sind nach Deutschland gekommen. Ein deutsches Examen war die offene Tür für jede Art von Karriere. Und heute machen wir Schreiben nach Gehör. Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll.

Das sieht man tagtäglich, wenn man einen Blick auf Kommentare in „Sozialen Netzwerken“ wirft.

Kunze: Das sieht man auch, wenn solche Statements beispielsweise im „Aktuellen Sportstudio“ bei einer Fußball-WM eingeblendet werden. Da denkt man, wir leben im Neandertal. In ein paar Jahrzehnten werden uns Japaner, Koreaner und Chinesen doch von der geistigen Landkarte wischen, wenn wir nicht radikal gegensteuern. Aber ich weiß natürlich auch, dass wir das Internet nicht zurückdrehen können.

Mal etwas Erfreuliches. Sie haben im Stuttgarter Tatort einen Hauptverdächtigen gespielt. Da liegt die Frage nahe, welches Tatort-Team Ihnen am besten gefällt?

Kunze: Die Münsteraner mit einigen Lichtjahren Abstand.

Live

Heinz Rudolf Kunze & Verstärkung: Der Wahrheit die Ehre Tour 2020. Mittwoch, 21. Oktober 2020, Warsteiner Music Hall, Dortmund. Hier gibt es Tickets.

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