Grüne Papageien und Lichten
Deutschpop mit Anspruch: Maxim und lilabungalow

Der ambitionierte Deutschpop boomt: Neben Knyphausen, Frevert oder Wilking profilieren sich jetzt auch zwei noch weniger bekannte Singer-Songwriter aus Köln und Erfurt.

Freitag, 09.10.2020, 15:42 Uhr aktualisiert: 09.10.2020, 15:44 Uhr
Maxim hat die Freude an der Musik zurückgewonnen. Foto: Ben Hammer

Berlin (dpa) - Deutsche Popmusik - zwischen Herzschmerz-Singsang, melancholischen Songwriter-Sounds und Liedermacher-Agitprop ist das ein weites Feld. Die beiden Nachwuchskünstler Maxim und Patrick Föllmer alias lilabungalow zeigen nun, dass es auch vielversprechende Seitenpfade gibt.

Wenn es mit Schubladen für einen Musiker nicht so einfach ist, lohnt manchmal ein Blick auf die berühmt-berüchtigten Amazon-Vorschläge. Zum neuem Album «Grüne Papageien» (Feder Records/The Orchard) von MAXIM heißt es da: «Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch» - Katy Perry, Bright Eyes, Melanie C, Alanis Morissette, sogar Helge Schneider.

Darauf wäre man nun nicht unbedingt gekommen, wenn man dieses Album hört - eher schon auf deutsche Top-Songwriter wie Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert, Enno Bunger oder Francesco Wilking/Moritz Krämer (Die Höchste Eisenbahn).

Der Kölner Maxim legt hier zehn Stücke vor, die zwischen elegant federndem Lounge-Pop («Anais»), zarten Balladen («Alter Freund», «Wohin ich gehör») und zutiefst anrührenden Momenten (Tipp: der intensive Missbrauchs-Abgesang «Die Asche von Claude») pendeln. Seine Stimme transportiert Alltagsbeobachtungen («Grüne Papageien») ebenso gut wie klischeefreie Gefühlsbeschreibungen. Die oft reduzierten Arrangements umfassen gerade so viel akustische oder elektronische Instrumentierung, wie es diese feinen Lieder vertragen.

«Ich habe versucht, auch mal wegzukommen von dieser Tiefe, diesem Schweren, das mich immer begleitet. Auch meiner kleinen Tochter zuliebe», sagt Maxim über das von ihm selbst produzierte Album. Denn: «Nach der letzten Platte «Das bisschen was wir sind» war ich richtig durch und hatte kaum noch Bock zu schreiben. Das war alles so krampfig, weil vieles nicht so geklappt hatte, wie ich mir das wünschte. Das hat mir die Freude an der Musik eine Weile zerstört.» Zum Glück hat Maxim die Kurve gekriegt.

Mehr in Richtung Elektropop unterwegs ist derweil Patrick Föllmer mit seinem Projekt LILABUNGALOW und dem Album «Lichten» (OLDNEW Records/Listencollective). «Seitdem ich singe, habe ich Angst, es auf Deutsch zu tun. Vielleicht hört es sich einfach peinlich an», sagt der Erfurter. Er muss sich indes keine allzu großen Sorgen machen, denn seine zwölf neuen Lieder kommen ganz ohne Fremdschäm-Effekt aus.

Fünf Jahre nach der Veröffentlichung des Vorgängers «Peace To Gold» stand für Föllmer die Frage im Raum: «Wer braucht noch ein deutsches Album? Und warum braucht es lilabungalow überhaupt?» Zur Klärung begab sich das Projekt auf eine «Emotionale-Herzen-Tour» durch knapp 40 Wohnzimmer in Deutschland und der Schweiz - und man stellte die Frage ans Publikum. Irgendwann stand fest: Ja, es sollte unbedingt weitergehen.

Radiohead-nahe Experimentierlust, elektronischer R&B und Knister-Soul, Krautrock, Sophisticated-Pop der 80er Jahre - all dies scheint nun im Sound von lilabungalow hinterlassen zu haben. Für das auch in Mexiko und Malawi entstandene Werk «Lichten» entwarf Föllmer zusammen mit Tilmann Jarmer eine spannungsvoll vibrierende Klangwelt: Kühle digitale Rhythmik wird geschickt mit Analog-Elementen von Piano, Trompete und Gitarre kombiniert. Das vor zwölf Jahren mit der EP «Give Me A Chicken Sandwich» bescheiden gestartete Pop-Projekt aus Thüringen ist damit auf einem sehr guten Weg.

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