Lost Themes III
John Carpenter: Soundtrack für imaginäre Filme

Mit «Halloween» hat John Carpenter (73) Horrorfilm-Geschichte geschrieben. Der bedrohlich wabernde Synthie-Bass gehört zu seinen Markenzeichen. Nun präsentiert der Regisseur und Komponist den dritten Teil seiner «Lost Themes»-Albumreihe.

Montag, 08.02.2021, 06:00 Uhr aktualisiert: 08.02.2021, 06:02 Uhr
Schattenwesen: Daniel Davies (l-r), John Carpenter und Cody Carpenter. Foto: Sophie Gransard

Hamburg/Los Angeles (dpa) - Eigentlich eine geniale Idee für Zuhause-Zeiten: Im Kino herrscht pandemiebedingt Flaute - und John Carpenter, Meister des Gruselgenres, veröffentlicht einen Soundtrack zu Horrorfilmen, die es gar nicht gibt, die erst beim Hören im Kopf entstehen sollen. Unter dem Namen «Lost Themes III: Alive After Death» fasst der 73-jährige US-Amerikaner diese Musikstücke zusammen.

Wie der Titel schon sagt, ist es das dritte Album, mit dem Carpenter das Kopfkino ankurbeln will. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur liefert der Komponist und Regisseur die Gebrauchsanweisung gleich mit: «Schalte zuhause das Licht aus, setze dich im Dunkeln hin, spiele die Musik ab, schließe die Augen, lass den Film in deinem Kopf laufen und erlebe deinen persönlichen Wachtraum! Das ist es, was ich will. Und wer weiß? Vielleicht inspiriert es sogar Menschen dazu, einen echten Film zu dem Soundtrack zu kreieren.»

Carpenter hat mehr als 20 Filme gedreht. Obwohl er früh Ausflüge in andere Genres unternahm, ist es das Horror-Genre, mit dem man ihn am meisten verbindet - dank Streifen wie «Halloween» (1978), «The Fog - Nebel des Grauens» (1980) und «Christine» (1983), die vom Kult zu Klassikern wurden.

Für die meisten seiner Filme nahm er nicht nur auf dem Regiestuhl Platz, sondern komponierte die Musik gleich mit und verlieh den Werken damit seine unnachahmliche Handschrift. «Filme waren immer meine erste Liebe. Aber der Stress, den das Machen von Filmen involviert, ist beachtlich. Ich will das nicht mehr auf mich nehmen. Ich will Spaß haben. Und den habe ich heute mit der Musik, die so viel leichter von der Hand geht.»

Doch danach sah es anfangs gar nicht aus: Sein Vater, ein Musikprofessor, der unter anderem mit Roy Orbison musizierte, hatte ihn als Kind zum Violinespielen verdonnert. «Das lief nicht ganz so gut. Ich hatte einfach nicht genug Talent dafür», so Carpenter rückblickend.

In seinen Zwanzigern besuchte er die Filmschule. «Doch als studentischer Filmemacher hast du keine Knete, du kannst keinen Komponisten anheuern. Aber ich konnte es selbst machen mit Hilfe des Synthesizers. So fing es an.» Seine von Bands wie Tangerine Dream und Goblin beeinflussten Soundtracks der 1970er klangen futuristisch und machten ihn zu einem Wegbereiter der Synth- und Elektro-Welle.

Die Liste der musikkomponierenden Regisseure in Hollywood ist nicht lang. Für einen Grammy oder Oscar kam Carpenter, der sich selbst als Einzelgänger und Außenseiter sieht, nie in Betracht. 2019 wurde er bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem «Carrosse d'Or Award» für sein Lebenswerk ausgezeichnet - als «kreatives Genie der rohen, fantastischen und spektakulären Emotionen», so die Begründung.

Solche Emotionen bringt er auch auf seinem neuen «Lost Themes»-Album rüber, die Bedrohung wird geradezu spürbar, der Carpenter-Genpool ist nicht zu leugnen. Wie schon 2015 und 2016 ist auch die dritte Platte der Reihe mit Sohn Cody und Enkel Daniel Davies entstanden. «Mein Sohn ist ein Virtuose am Klavier und Synthesizer, mein Enkel ein toller Gitarrist. Wir haben unterschiedliche Herangehensweisen an die Musik. Wir schmeißen alles zusammen, und es scheint zu funktionieren.»

Der Heavy-Synth-Beat auf «Weeping Ghost» hätte auch Daft Punk gut gestanden. Bei «Dripping Blood» sieht man die Tropfen Blut vor dem geistigen Auge tatsächlich zur Pfütze werden. «The Dead Walk» gebärdet sich indes als munterer Zombie-Tanz - aber Humor war ja schon immer Bestandteil des Werks von John Carpenter.

Ironischerweise stecken die Stücke von «Alive After Death» voller Leben. Das dürfte dem Unterfangen, das sich Carpenter auf seine alten Tage noch als Livemusiker erfunden hat, nur zuträglich sein. «Warum ist mir das nicht früher eingefallen? Als wir anfingen damit, hatte ich Angst und schlimmstes Lampenfieber - es war der blanke Horror. Aber dann hatte ich den Spaß meines Lebens. Wir werden nach der Pandemie zurückkommen. So wie Michael Myers immer wieder zurückkommt.»

Der Menschenschlächter aus «Halloween» soll nach Verschiebung nun ab 14. Oktober 2021 wieder in deutschen Kinos wüten. Nachdem das Jahr 2018 John Carpenters Rückkehr zum Franchise als Produzent und Soundtrack-Komponist markierte und ihm das einen erneuten Popularitätsschub bescherte, ist er auch bei «Halloween Kills» mit von der Partie. Und verspricht: «Der Film ist ein einziges Gemetzel.»

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