Popmusik
Rainald Grebe: Stewardessen und Calvinismus

Er hat Autohäuser, Wölfe und Indianer besungen, gegen zahlungspflichtige Autobahntoiletten geklagt, Theaterstücke geschrieben und einen Roman. Jetzt spielt Rainald Grebe «Popmusik».

Dienstag, 09.02.2021, 06:00 Uhr aktualisiert: 09.02.2021, 06:05 Uhr
Bissige Betrachtungen der Gegenwart: Rainald Grebe macht «Popmusik». Foto: Alessandro De Matteis

Berlin (dpa) - Das Album war schon aufgenommen, da gingen im vorigen Sommer in Berlin die Corona-Zweifler auf die Straße. «Der Alu-Hut, der Alu-Hut, der steht dir heute richtig gut», dichtete danach Rainald Grebe für den Song «Wissenschaft ist eine Meinung, die muss jeder sagen dürfen».

Der Titel eröffnet Grebes neue Platte «Popmusik». Der Sänger macht sich dort über Querdenker lustig und wirbt für Aufklärung.

«Die Nachtigall, die Nachtigall ist das beste Pferd im Stall», singt der Dadaist unter den singenden Comedians. Der Autor von Bundesländer-Hits über Brandenburg («Ich fühl mich so leer, ich fühl mich Brandenburg») oder Thüringen («Im Thüringer Wald, da essen sie noch Hunde») bleibt auch auf dem neuen Album seinem Witz treu.

Als «Ironie der Ironie» hat ein Wissenschaftler einmal Grebes Poesie beschrieben. Grebes Programme hatten Namen wie Abschiedskonzert, Robinson-Crusoe-Konzert, Hongkongkonzert oder Münchhausenkonzert. Der Lyriker schreib Theaterstücke und den Roman «Global Fish». Gerade arbeitet er an einem Podcast über den Schriftsteller Hans Fallada.

Für das neue Album dreht der Liedermacher mit der Band Fortuna Ehrenfeld und seinem langjährigen Produzenten Martin Bechler eine neue Runde seiner bissigen Betrachtungen der Gegenwart. Mit viel Elektronik und Beats macht er sich lustig über den Adel, ausgefallene Eissorten und «Die Kraft der Pflanze». Ein wenig erinnert das an die Neue Deutsche Welle.

Eventuell sei er jetzt ein wenig melancholischer und reflektierter. «Der Tod begegnet einem immer öfter, und natürlich spielt dabei das Älterwerden eine Rolle», sagt der Chansonnier, der 2017 einen Schlaganfall erlitt und in diesem Jahr 50 wird. «Vielleicht hat diese Haltung auch mit meiner Krankheit zu tun, dass man gewisse Dinge im Leben eher vom Ende her sieht.»

Tatsächlich sickert in «Popmusik» immer wieder Endzeit durch. Im Song über die Flugbegleiterin reiht Grebe die Namen von Flughäfen aneinander - in Corona-Zeiten klingt das wie der Blick auf eine ferne Zeit und eine vage Zukunft. Die Stewardess erinnert sich an Shoppingtouren in Shanghai und Liebesaffären mit Piloten, nun ist alles vorbei - ein letztes Mal Tomatensaft servieren.

Den Song könne man auch als Beitrag zur Klimadebatte verstehen. «Wir Künstler hinterlassen ja einen ziemlich großen ökologischen Fußabdruck.» Im Lied über den Calvinismus amüsiert sich Grebe über die Macher («Ich dachte gerade, ich bin ein Specht») und den Glauben, Erfinder könnten die Welt doch noch retten.

Fortschrittsskeptiker sei er aber dennoch nicht, sagt Grebe. Doch seitdem er in der Uckermark im Nordosten Brandenburgs ein zweites Domizil aufgeschlagen hat, begegnete ihm dieser Typus immer wieder. «Die haben eine heimliche Freude daran, dass die Welt in ihren Augen untergeht». In der Ballade «Meganice Zeit» unternimmt Grebe eine Fahrt durch bundesdeutsche Landschaften, vorbei an Autobahnausfahrten und AfD-Anhängern. Er sinniert über vegane Liebe und Filterblasen - «und die Sonne scheint wie Jennifer Lopez», heißt es im Refrain.

Das Album entstand im Haus auf dem Land, wo Grebe im Funkloch auch kein Internet hat. «Ich habe bewusst darauf verzichtet. Und das macht schon sehr viel an Lebensqualität für mich aus, weil ich in der Stadt dauernd an den Geräten arbeite und sehr abgelenkt bin.» Ganz aufs Land wolle er aber nicht ziehen. «Ich brauche beide Welten, um mich wohlzufühlen.» Fünf, sechs Wochen im Grünen - dann bekomme er «einen Landkoller-Effekt».

Etwas verwurzelt ist Grebe dennoch. Im Herbst beginnt er mit einer großen Pflanzaktion für einen Wald in Brandenburg. Dabei soll ein Kiefernwald in einen Mischwald umgewandelt werden. Mit Laubbäumen könne man die Bodenqualität verbessern, Dürre und Borkenkäfer aufhalten. «Wir haben jetzt schon 1500 kleine Setzlinge.»

Vielleicht passt dazu Bette Midlers «Die Rose» als vorletzter Titel des Albums, auch eine Reverenz an Nana Mouskouri. Die ersten beiden Strophen singt der Männergesangsverein «Harmonie» aus Lünen in Nordrhein-Westfalen, dann steigt der Sänger zum Klavier an. Und ganz am Ende schaut er dann doch dem Unvermeidlichen ins Gesicht: «Der Tod sitzt in der Kantine, der Tod isst Essen zwei», singt Grebe. Der Tod, «die alte Ich-AG, see you soon».

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