30 Jahre Mauerfall
Ein ehemaliger DDR-Soldat kehrt zur Bornholmer Straße zurück

Richard Müller wollte einfach nur Maschinenbau studieren. Dafür musste er sich in der DDR als Grenzsoldat profilieren – rund um den berüchtigten Übergang Bornholmer Straße in Berlin. Er konnte irgendwann nicht mehr. 50 Jahre später kehrt er zurück.

Samstag, 09.11.2019, 16:00 Uhr aktualisiert: 09.11.2019, 16:27 Uhr
Richard Müller unter der Bösebrücke an der Bornholmer Straße. Foto: Claudia Kramer-Santel

"Ich frage mich immer wieder: Wie konnte man mich dazubringen, an so etwas zu glauben? Wie konnte das passieren?“ Richard Müller zieht die Augen zusammen und blickt auf die Gleise, auf denen eine S-Bahn vorbeirattert. Plötzlich kommen dem 69-jährigen Rostockerdie Tränen. Eigentlich wollte der ehemalige Grenzsoldatseine Vergangenheit vergessen. Ein Besuch bei seiner Tochter führt ihn in den verhassten Osten Berlins, und eine geführte Fahrradtour mit dem harmlosen Titel „Berliner Allerlei“ direkt in seine Vergangenheit.

Nach 50 Jahren steht er wieder auf dem ehemaligen Kolonnenweg für die Patrouillenfahrzeuge unter der Bösebrücke an der Bornholmer Straße. „Ossis“ gibt es hier kaum noch. Heute joggen und radeln hier selbstverliebt wirkende Hipster vom Prenzlauer Berg, früher war dies Teil der hermetisch bewachten Grenze in den Westen. Es war Müllers Arbeitsplatz. Die Schmuddeligkeit des Ortes im Norden von Berlin, der immer noch wie ein Niemandsland wirkt, passt nicht zu der wichtigen Rolle für die Weltgeschichte: Oben auf der Brücke, wo heute ein Lidl steht, befand sich der erste Grenzübergang, an dem sich vor 30 Jahren für Tausende DDR-Bürger die Schranken öffneten.

Doch für Müller ist alles hier verknüpft mit der Erinnerung an die schlimmsten Monate in seinem Leben. Er sitzt auf einem Betonsockel. Bänke gibt es hier nicht. Es ist ein hässlicher Durchgangsort, kein Ort der Begegnung, an dem Erinnerungen wie die von Richard Müller Raum finden dürfen. Was war geschehen?

Strenge Kontrollen

„Ich war 19, als ich hierhin kam“, beginnt er seine gedank­liche Reise. Er hat sich für drei Jahre bei der Armee verpflichtet. So hofft er, einen Maschinenbau-Studienplatz zu erhalten. „Ich glaubte damals an alles, was man mir ein­getrichtert hatte“, erzählt er. Nach einem interessanten Dreivierteljahr technischer Grundausbildung erfolgt – ganz plötzlich – die Versetzung an die Mauer in Berlin. Ein Härtetest. „Doch ich dachte mir: Die paar Monate wirst du das schon durchhalten.“

Hier befindet sich ein neuralgischer Punkt: die berüchtigte Ulbrichtkurve. Um zu verhindern, dass DDR-Bürger von Prenzlauer Berg nach Pankow durch den Westen fahren mussten, verläuft der S-Bahnverkehr seit 1961 hier direkt auf der Fernlinienbahnstrecke entlang der Grenze. Es gelten strenge Regeln. Sämtliche DDR-S-Bahnen mussten mindestens hier mit 40 Kilometern pro Stunde – ohne Halt – durchrasen. Es gibt harte Kontrollen – Tag und Nacht. Nichts darf nach außen dringen: Auf einen Schrebergarten rund um den Grenzübergang Bornholmer Straße ­haben nur linientreue Bürger eine Chance. Dennoch werden mehrere Fluchtversuche publik: So gelingt es, einen Schnellzug per Notbremse zum Halten zu bringen und den Grenzzaun mitten auf den Gleisen zu überwinden.

Steigender moralischer Druck

Müller wird jetzt häufig nachts geweckt: „Wir haben von einem möglichen Fluchtversuch gehört“, heißt es dann von seinem Vorgesetzten. Oder: „Da wollen einige Flüchtlinge heute Nacht den Zug stoppen.“ Er muss dann auf den Gleisen hocken, lauern, ob sich dort etwas tut. In den langen, dunklen Stunden kriecht immer häufiger die alles über­lagernde Frage hoch: „Muss ich im Ernstfall auf einen Landsmann oder eine Landsfrau schießen?“ – „Nein“, er­widert ihm immer kalt lächelnd sein Vorgesetzter. Nur im Notfall, nicht auf Frauen . . . Nur leere Worte?

Parallel zum steigenden moralischen Druck fällt sein anerzogenes Weltbild in sich zusammen: „Ich habe wirklich geglaubt, dass die Mauer der antifaschistische Schutzwall war“, erinnert er sich. Die Mauer sollte in dieser Logik den Osten angeblich vor Faschisten und Kriegstreibern aus dem Westen schützen. Nun sieht er die Realität. „Die Menschen aus dem Westen wurden gar nicht abgehalten, in die DDR zu kommen. Sie konnten einfach über die Mauer hinüber.“ Doch auf der Seite der DDR lernt er das monströse Grenz-Bollwerk aus mehreren Mauern, Lichtschranken und Kontrolltürmen kennen. Müller fühlt sich als Teil eines schrecklichen Apparates.

Eine Mauer des Schweigens

Der 19-Jährige redet auch offen über seine Bedenken– was seine Lage zu­nehmend verschlechtert. „Man teilte mir unangenehme Dienste zu.“ Besonders seine häufigen Nachtschichten draußen Richtung Bernauer Straße, wo der Wind im Berliner ­Winter schneidend kalt weht, sind schrecklich. Er wertet es als Mobbing, um seinen kritischen Geist in die Schranken zu weisen. Doch es bewirkt das Gegenteil. Er sammelt neue Informationen. An der Aussichtsplattform im Westen an der Bernauer Straße stehen „Westler“, die dort ihren Verwandten und Freunden im Osten nachts etwas zurufen. „Es ging um Pakete, die man schicken wollte, um ganz alltäg­liche Dinge“, erinnert er sich. „Dabei war mir beigebracht worden, dass die Wessis dort allesamt Spione seien, die DDRler nur aushorchen wollten.“

Dann kommt für ihn der alles entscheidende Wendepunkt: ein Krankenhausaufenthalt in Potsdam. Als er dort wegen einer kleinen Operation eine Woche lang liegen musste, wird er eines Nachts wach. Er hört Kindergeschrei: „Schnell spricht es sich herum: Da wurden zwei verletzte Kinder eingeliefert. Sie wollten mit ihren Eltern fliehen, und meine Kollegen hatten auf sie geschossen.“ Am Morgen ist alles im Krankenhaus ruhig. Keiner spricht darüber. Keiner wagt, Fragen zu stellen. Eine Mauer des Schweigens. „Man hatte uns doch gesagt, man müsse nie auf Kinder schießen. Doch wie will man in der Nacht die Flüchtlinge unterscheiden? Da bleiben doch nur Bruchteile von Sekunden.“

„Ich bin kein Held“

Müller fasst sich ein Herz, geht zu seinem Vorgesetzten und sagt den schlichten Satz: „Ich möchte aufhören.“ Er wolle nicht auf Menschen schießen. Da ist es wieder, dieses kalte Lächeln seines Chefs. „Sie müssen doch gar nicht schießen.“ Man redet auf ihn ein. Doch der 19-Jährige bleibt hart. Er geht zurück nach Rostock. „Von diesem Zeitpunkt an konnte ich nicht mehr zurück. Ich musste nur noch nach vorne schauen.“

Müller studiert nicht. Er wird Installateur, heiratete, bekommt Kinder. „Ich bin kein Held“, sagt er. Nach dieser Entscheidung habe er sich dem System angepasst. Er darf nicht mehr auffallen. Seinen Vater, ein überzeugter Kommunist, habe er wohl auch enttäuscht. Gegen das System aufzustehen, beschert ihm ein Leben ohne äußere Anerkennung. Noch heute hat er Angst.

Systematische Feindbilder

Müllers Fazit, warum er damals „an all das“ geglaubt hat: „Man hat in der DDR ganz systematisch Feindbilder aufgebaut, um die Menschen zu instrumentalisieren.“ Ihn treibt es um, wenn er sieht, dass auch heute Extremisten im Land wieder Feind­bilder konstruieren. „Warum lernen wir nicht aus der Vergangenheit?“

Die Abendsonne legt sich über die Bösebrücke. Ein Saxofonist spielt „Mackie Messer“. Berlin zeigt sich von seiner milden Seite, wie ein harmloses His­torien-Klischee. Müller ist fürs Erste froh, dass es zurück nach Rostock geht. Doch er wird wiederkommen. „Es ist die Zeit gekommen, all die Fragen zu beantworten.“

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