Kein Rücktritt
Johnson-Berater Cummings: «Ich bedaure nichts»

Rücktritt? Das kommt für den britischen Chefberater Dominic Cummings nicht infrage. Er weist Kritik an seinem Handeln während der Pandemie zurück. Damit bleibt er die rechte Hand von Premier Boris Johnson.

Montag, 25.05.2020, 22:45 Uhr aktualisiert: 25.05.2020, 22:48 Uhr
Steht in Großbritannien heftig in der Kritik: Dominic Cummings. Foto: Aaron Chown

London (dpa) - Bizarrer Auftritt in der Downing Street: Der britische Regierungsberater Dominic Cummings lehnt trotz der massiven Kritik an seiner Reise zu Verwandten in der Corona-Krise seinen Rücktritt ab.

«Ich habe nicht angeboten, zurückzutreten. Ich habe das nicht in Erwägung gezogen», sagte Cummings im Rosengarten des Regierungssitzes in London. «Ich bedaure nicht, was ich getan habe.» Ihm war vorgeworfen worden, gegen Ausgangsbeschränkungen verstoßen und somit andere Menschen gefährdet zu haben.

Cummings ist der zweitmächtigste Mann nach Premier Boris Johnson in Großbritannien. Der 48-Jährige gilt als hochintelligenter Wahlkampfstratege, aber auch als unberechenbar. Er begann seinen Auftritt mit etwa halbstündiger Verspätung, erschien mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und rief Journalisten ein lockeres «Hi there!» (Hallo) zu. Ein Auftritt im Rosengarten ist ungewöhnlich. Es war damit gerechnet worden, dass Cummings zurücktritt.

Er habe nur einmal Ende März seine Eltern mit seiner Familie besucht, sagte der Strippenzieher in der Downing Street. Britische Zeitungen hatten hingegen berichtet, dass Cummings mehrfach während der Pandemie von London ins rund 430 Kilometer entfernte Durham zu seinen Verwandten gefahren war. Er habe den Umständen entsprechend «vernünftig und angemessen» gehandelt, sagte Cummings.

Der Berater hatte als Grund für eine Reise Ende März zu seinen Eltern angegeben, er habe keine andere Möglichkeit gehabt, die Betreuung seines vierjährigen Sohnes sicherzustellen. Er habe für die Betreuung sorgen wollen, weil seine Frau an Covid-19 erkrankt gewesen sei und er selbst mit einer Ansteckung habe rechnen müssen. Er sprach von einer «komplizierten Situation». Johnson habe er erst später darüber informiert. Am 13. April sei die Familie wieder in London gewesen.

Cummings räumte auch ein, von Durnham aus mit seiner Frau am Ostersonntag zum etwa 50 Kilometer entfernten Schloss Barnard mit dem Auto gefahren zu sein - aber nur, um sein Augenlicht nach der Erholung von seiner Infektion zu testen. Er habe die Sehenswürdigkeit nicht besichtigt. Britische Medien hatten zuvor berichtet, dass ein Augenzeuge Cummings am Schloss gesehen und ihn angezeigt habe. Mehr Besuche habe es nicht gegeben, so Cummings. Britische Zeitungen hatten noch von einem weiteren Aufenthalt in Durham berichtet.

Auf die Frage, ob er glaube weiterhin Chefberater zu bleiben, antwortete Cummings kühl: «Das hängt vom Premierminister ab.»

Johnson sagte auf einer Pressekonferenz am Abend, dass er «die Verwirrung und die Wut und den Schmerz» nachvollziehen könne, den diese Geschichte in Großbritannien ausgelöst habe. Weiter wollte er aber nicht auf das Thema eingehen - auch nicht auf Nachfragen von Journalisten, warum denn nicht Cummings' Frau oder ein Fahrer der Regierung die Familie sicher nach London zurückgebracht habe.

Cummings' Auftritt werteten viele Kritiker als überheblich und selbstherrlich, während vor allem Regierungsmitglieder lobten, dass er nun Klarheit im Ablauf der Geschehnisse gebracht habe.

Johnson hatte sich zwar noch am Sonntag hinter seinen Berater gestellt, war dadurch aber selbst massiv in die Kritik geraten. Etwa 20 Parlamentarier seiner Konservativen Partei, die Opposition, Geistliche, Ärzte und andere Kritiker hatten den Rücktritt von Cummings gefordert. Sie fürchteten, er könnte das Vertrauen in die Regierung irreparabel beschädigt haben. Die Kritiker warnten auch vor einem Anstieg der Infektionen, weil Schutzmaßnahmen angesichts solcher Vorkommnisse nicht mehr ernst genommen werden könnten. Großbritannien hat die meisten Corona-Todesfälle in Europa.

Cummings sei «den Instinkten eines jeden Vaters gefolgt», sagte Johnson am Sonntag. Dafür könne er ihn nicht an den Pranger stellen. Nach den Worten Johnsons hat sein Chefberater «in jeder Hinsicht verantwortlich, legal und mit Integrität» gehandelt. Nach den Richtlinien der Regierung waren damals Reisen nur aus zwingenden Gründen erlaubt. Der ehemalige Polizeichef der Grafschaft Durham, Mike Barton, hatte dem Sender BBC gesagt: «Lasst uns nicht um den heißen Brei reden, er hat die Regeln gebrochen, das ist sehr klar.»

In Johnsons eigener Konservativen Partei war der Rückhalt für Cummings gebröckelt. Der frühere Staatssekretär Paul Maynard nannte das Verhalten des Chefberaters «völlig unhaltbar». Der Abgeordnete David Warburton sagte der BBC, Cummings «schädigt die Regierung und das Land». Kirchenvertreter griffen direkt Johnson an: Der Premierminister behandle die Menschen «wie Trottel» und «ohne Respekt», twitterte der Bischof von Leeds, Nicholas Baines.

Erst Anfang Mai hatte der renommierte Wissenschaftler Neil Ferguson vom Imperial College seinen Posten als Regierungsberater aufgeben müssen, weil er während des Lockdowns Besuch von seiner Freundin erhielt. Auch die oberste medizinische Beraterin der schottischen Regierung, Catherine Calderwood, hatte sich über die eigenen Regeln hinweggesetzt und deswegen ihren Hut nehmen müssen.

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