Frechheit siegt
Weshalb Ignoranten immer erfolgreicher werden

Nicht nur Politiker erliegen der Versuchung, der plumpen Rhetorik von Populisten ausschließlich Argumente entgegenzusetzen. Völlig falsch, wie der bekannte Führungskräfte-Coach Peter Modler meint. In Gesprächen gehe es nie nur um Argumente.

Sonntag, 07.06.2020, 17:00 Uhr
Argumentierer scheitern regelmäßig an Donald Trump. Und das aus einem einfachen Grund: Er macht ihr Spiel, das auf begründete Kommunikation setzt, einfach nicht mit. Foto: imago images/UPI Photo/dpa

Peter Modler beobachtet immer wieder drei Eskalationsstufen in Gesprächen zwischen zwei völlig unterschiedlich agierenden Menschen, in denen sich der eine der gepflegten abendländischen Argumentationstradition bedient und der andere es am liebsten poltern und krachen lässt. „Die wirkungsloseste Ebene ist der High Talk – argumentatives, faktenreiches Sprechen“, schreibt der erfolgreiche Personalcoach in seinem neuen Buch „Mit Ignoranten sprechen. Wer nur argumentiert, verliert“.

„Wesentlich wirksamer in so einer Konfliktlage ist der Basic Talk: zwar verbal, aber bestimmt nicht intellektuell – einfach, kurz, repetitiv. Und am mächtigsten der Move Talk: absichtliche Bewegungen mit einzelnen Gliedmaßen oder dem gesamten Körper im Raum.“ Wer auf Populismus nicht reagieren kann, erlebt den Schiffbruch der Argumente.

Das Schicksalsjahr 2015

Ein Beispiel, an das sich viele Menschen noch aus dem Schicksalsjahr 2015 erinnern werden, in dem sich selbst bisherige Verbündete von der Kanzlerin abwandten. An vorderster Stelle: Horst Seehofer. Wie es die rituelle Tradition wollte, nahm Angela Merkel auch 2015 am Parteitag der CSU als Gast teil. In diesem Jahr aber sicherlich nicht als Ehrengast. Die Kanzlerin hatte gerade ihre übliche Ansprache gehalten, als Horst Seehofer ans Rednerpult trat.

Was dann geschah, hat Modler aus der Distanz mit Mitleid, aber auch dem Wissen beobachtet, dass hier eine vermeidbare Demontage stattfand: „Seehofer steht hinter dem Rednerpult mit dem Mikrofon und lässt die Bundeskanzlerin geschlagene zehn Minuten lang etwa einen Meter danebenstehen (ohne Mikro, ohne Pult). Während er eine protokollarisch nicht vorgesehene eigene Rede hält, immer wieder lächelnd, aber Merkel deutlich kritisierend. Merkel steht währenddessen allein und ausgesetzt vor dem voll besetzten Saal auf offener Bühne wie bestellt und nicht abgeholt und ist gezwungen, alles über sich ergehen zu lassen.“

Frau Merkel hätte ich empfohlen, gerade nicht stehen zu bleiben, sondern ihren Körper in zwei, drei langsamen Bewegungen näher an Seehofer heranzubewegen. 

Peter Modler

Aber war sie das wirklich? Modler hätte in diesem Moment wahrscheinlich gerne neben ihr gestanden und ihr zugeraunt: „Lassen Sie sich das nicht bieten. Reagieren Sie mit gezieltem Move Talk!“ Ganz konkret: „Frau Merkel hätte ich empfohlen, gerade nicht stehen zu bleiben, sondern ihren Körper in zwei, drei langsamen Bewegungen näher an Seehofer heranzubewegen. Wenn sie nah – und ich meine wirklich nah! – bei ihm gestanden hätte, hätte allein diese unangenehm gesteigerte Nähe enorme Wirkung haben können.“

Wahrscheinlich hätte die auf Tuchfühlung gehende Kanzlerin den CSU-Chef irritiert und zu einer Frage veranlasst. „Womit“, wie Modler findet, „Angela inhaltlich etwas hätte sagen können und damit aus der Zwangsstarre heraus gewesen wäre.“

Peter Modler

Peter Modler gehört zu den bekanntesten Personaltrainern in Deutschland. Der promovierte Coach ist viele Jahre lang als Manager und Unternehmer in der Medienbranche tätig. Er ist Dozent an der Universität Freiburg, gehörte dem Arbeitsgericht Freiburg fünf Jahre lang als Arbeitsrichter an. Bundesweit bekannt wird Modler als Erfinder des „Arroganz-Trainings“ für weibliche Führungskräfte. Sein Buch zum Thema steht monatelang auf den Bestsellerlisten. Eine seine Kernthesen lautet: Frauen sollten Männer in Führungspositionen genau beobachten und sich ihre wichtigsten Instrumente der Machtinszenierung selbst zu eigen machen. Zu seinen Trainingsmodulen lädt er Männer ein, die er nicht über das informiert, was in den Rollenspielen trainiert wird. Der für viele Frauen verblüffende Effekt: Der Mann verhält sich so, wie es die weiblichen Führungskräfte aus der eigenen Praxis kennen.

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Argumente haben geringe Wirkung

Es gibt unendlich viele Situationen, in denen der Coach Menschen, die ausschließlich auf die Wirkung von Argumenten vertrauen, gerne wachrütteln und erklären würde, weshalb Null-Argumentierer immer mehr Erfolg haben. Denn Argumente haben eine erschreckend geringe Wirkung, wenn Ignoranten mit ihren rhetorischen Spielchen beginnen.

Modler: „Die Vorstellung von der nüchtern vorgetragenen Sachlichkeit ohne großen physischen Bewegungsaufwand, sozusagen rollkragenpullovermäßig? Überholt. Der Ignorant ignoriert all das, gebärdet sich ganz anders und kommt damit ziemlich weit.“

Die Taktik der Ignoranten

Geradezu lehrbuchhaft hat Modler das in den drei TV-Duellen vor der jüngsten Präsidentschaftswahl in den USA erlebt. Der Trainer von Führungskräften hat sich die Aufnahmen des ungleichen Schlagabtausches zwischen der perfekt auf alle Sachfragen vorbereiteten Hillary Clinton und dem hinter ihrem Rücken Grimassen schneidenden Donald Trump immer wieder angesehen.

„Was da vor Millionen von Zuschauern ablief, war kein vorübergehendes Ereignis. Nein, die Bedeutung bleibt, und zwar einfach deswegen, weil es sich um ein Paradigma handelte, dessen Relevanz die eines einzelnen US-amerikanischen Wahlkampfes weit übersteigt. An diesem Exempel lässt sich in geradezu beklemmender Weise die Taktik der Ignoranten deutlich machen.“

Kaum hat Trump die Bühne betreten, als er auch schon Clinton die Hand entgegenstreckt, mit durchgestrecktem Arm.

Peter Modler

Allein der Anfang war bezeichnend: „Kaum hat Trump die Bühne betreten, als er auch schon Clinton die Hand entgegenstreckt, mit durchgestrecktem Arm. Zu diesem Zeitpunkt ist Clinton noch viele Meter entfernt. Für den Beobachter sieht es so aus, als würde Clinton nun irgendwie von Trump gesteuert, denn sie muss brav seine ausgestreckte Hand ergreifen, als sie endlich überhaupt in seiner Nähe ist.“ Ihre argumentative Kraft nützt ihr wenig, obwohl sie in vielen Medien zunächst als die Siegerin der Duelle gefeiert wird.

Ein bezeichnendes Beispiel: „Typisch ist, wie Clinton die Finanzkrise in den USA anspricht und ihm vorwirft, wie sehr er persönlich davon profitiert hat. Fängt Trump nun an, sich zu rechtfertigen? Weist er das mit einer differenzierten Argumentation zurück? So hätte sie es wohl gemacht. Trump sagt stattdessen einfach nur: ,Das nennt man wohl Business‘. Die Chuzpe funktioniert nur, weil sie so einfach ist: fünf Wörter, nicht mehr.“

"Unglaublich unangenehm"

Später, Monate nach der Niederlage, hat Clinton die TV-Duelle aus ihrer Sicht analysiert und Fehler eingeräumt: „Vielleicht habe ich die Lektion, ruhig zu bleiben, viel zu gut gelernt – mir auf die Zunge zu beißen, die ganze Zeit zu lächeln, entschlossen, der Welt ein beherrschtes Gesicht zu zeigen.“ Seiner Physis hatte sie nichts entgegenzusetzen. „Egal, wohin ich ging, er folgte dicht hinter mir, starrte mich an, schnitt Grimassen. Er war unglaublich unangenehm. Er saß mir buchstäblich im Nacken. Ich bekam Gänsehaut.“ Die Großeltern-Generation hätte das wahrscheinlich so kommentiert: Frechheit siegt.

Wenn Argumente keinen Nutzen bringen, sollten sich auch intellektuell Argumentierende in der Notwehr die Kunst der Ignoranten zu eigen machen. Vom Dalai Lama ließe sich da einiges lernen. Nach einem Vortrag ging er auf jeden Fragestellenden ein. Bei einer penetrant auf ihn einredenden, in ihrem Redeschwall nicht zu stoppenden Frau wurde es ihm jedoch zu viel. Er sah sie an und sagte laut: „Mi-mi-mi-mi-mi – die Nächste.“ Lehrbuchhafter Basic-Talk.

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