Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen
Roland Jahn: „Wir wollten ein freies Leben führen“

Berlin/Münster -

Die Pauschalisierung „ostdeutsch“ ist meist daneben, findet Roland Jahn, Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen. Im Interview erklärt er, wieso das Schubladendenken falsch ist und was er Menschen entgegnet, die meinen, ihre Freiheitsrechte würden heute genauso beschnitten wie in der DDR.

Samstag, 03.10.2020, 14:53 Uhr aktualisiert: 03.10.2020, 15:39 Uhr
Der einstige DDR-Bürgerrechtler Roland Jahn leitet als Bundesbeauftragter die Stasiunterlagen-Behörde. Foto: Gunnar A. Pier

DIE Ostdeutschen, die gebe es so gar nicht, sagt Roland Jahn. Dazu seien die Lebenswege in der DDR zu unterschiedlich gewesen, meint der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (BStU) im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Martin Ellerich zu 30 Jahren deutscher Einheit. Die Schubladen Ost und West würden bewusst von Leuten benutzt, die das politisch instrumentalisieren wollen, so Jahn.

Wie fühlen Sie sich, Herr Jahn, als Deutscher oder als Ostdeutscher?

Roland Jahn: Ich bin Gesamtdeutscher. Ich wurde im Osten geboren, wurde gewaltsam in den Westen gebracht und habe in West-Berlin gelebt. In dem Sinne habe ich die deutsche Einheit schon gelebt, als die Mauer noch stand.

Ein Viertel der Ostdeutschen meint, dass wir nach 30 Jahren noch nicht zusammengewachsen sind.

Jahn: DIE Ostdeutschen gibt es nicht. Die DDR-Biografien waren sehr unterschiedlich – zwischen dem Leben eines Stasi-Offiziers und dem eines politischen Häftlings sind sehr große Unterschiede, auch zwischen dem eines SED-Sekretärs und dem eines Pfarrers. Insofern finde ich die Pauschalisierung „ostdeutsch“ meist daneben.

Zur Person

Roland Jahn stammt aus Jena. 1977 wird er von seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften exmatrikuliert, weil er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert. Bei der offiziellen Mai-Kundgebung trägt er ein leeres Plakat, um gegen die Zensur in der DDR zu protestieren. 1983 wird er wegen seiner Proteste zu 22 Monaten Haft verurteilt. 1983 wird Jahn ausgebürgert und gewaltsam abgeschoben. Für die Stasi bleibt er auch im Westen, wo er als Journalist arbeitet, eine Zielscheibe. mel

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Wenn Sie zurückdenken an Ihre Zeit als Oppositioneller in der DDR: Wie weit ist Deutschland heute davon entfernt, was sie sich damals erträumt haben?

Jahn: Wir wollten ein freies, selbstbestimmtes Leben führen. Das hat man in der DDR nicht zugelassen. In dem Sinne war es ein Ringen um Menschen- und Bürgerrechte, um Rechtsstaatlichkeit. Alle die Rechte, die im Grundgesetz gewährleistet sind und auch in der Praxis durchgesetzt werden, waren es, wovon wir damals geträumt haben. Das heißt nicht, dass ich heute mit allem einverstanden bin, was an Politik gemacht wird. Aber ich habe Rechte, durch die ich teilhaben kann an der demokratischen Gesellschaft.

Laut einer Forsa-Umfrage meinten 29 Prozent der Ostdeutschen, ihre Freiheitsrechte würden heute genauso beschnitten wie in der DDR. Was sagen Sie denen?

Jahn: Es hilft, sich zu erinnern: Wer heute demonstriert und sagt, es sei wie in der DDR, sollte sich bewusst sein, dass er für einen öffentlichen Protest in der DDR in der Regel ins Gefängnis gewandert wäre. Das war die Realität in der DDR. Wer meint, dass im geeinten Deutschland die Grundrechte ähnlich eingeschränkt wären wie damals, verhöhnt die Opfer der SED-Diktatur.

Wie wichtig war es, dass die Stasi-Akten öffentlich gemacht worden sind?

Jahn: Es war enorm wichtig für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft, dass eine Auseinandersetzung mit dem SED-Unrecht möglich war. Dass Verantwortliche benannt wurden. Dass Menschen rehabilitiert wurden. Dass Opfer gewürdigt werden. Sehr wichtig ist auch die persönliche Aufarbeitung: Zu erkennen, wer einen verraten hat. Zu sehen, wie die Stasi ins eigene Leben eingegriffen hat. In gewisser Weise war die Stasi-Akteneinsicht auch bei mir persönlich eine Zurückeroberung eines gestohlenen Lebens, die Rückeroberung der Selbstbestimmung.Die Akten sind aber auch wichtig, um die Herrschaftsmechanismen zu erkennen. Je besser wir die Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten.

Oft gibt es Klagen, die Lebensleistungen der einstigen DDR-Bürger würden nicht anerkannt…

Jahn: Da kann ich nur wiederholen: Die Ostdeutschen hatten unterschiedliche Biografien. Die Lebensleistung eines Stasioffiziers kann ich nicht pauschal würdigen… Was ich aber möchte, ist, dass man Respekt zeigt vor Biografien. Und auch vor Menschen, die in der DDR einen Weg der Anpassung gegangen sind und so das System gestützt haben. Es waren zumeist Menschen, die es geschafft haben, sich unter diesen Verhältnissen ein lebenswertes Leben zu organisieren. Kritik an dem System ist keine Kritik an den Menschen, die dort gelebt haben. Im übrigen, ich hatte auch ein schönes Leben in der DDR – nicht wegen des Staats, trotz des Staats.

Ostdeutsche sind noch immer unterrepräsentiert in Führungspositionen…

Jahn: Die Frage in dieser Diskussion ist doch: Wer ist überhaupt ostdeutsch? Das Grundproblem all dieser Studien ist die Begriffsdefinition. Da gilt dann selbst Frau Merkel als Westdeutsche, weil sie in Hamburg geboren worden ist. Jemanden, der mit 20 Jahren zum Studium nach Leipzig gegangen ist und seit Jahrzehnten dort im Beruf steht, zum Wessi zu stempeln, wird ihm nicht gerecht. Wir sind inzwischen eine Gesellschaft, die so verflochten ist, dass diese Trennung nach Ost und West krampfhaft ist, in der Vergangenheit stehen geblieben ist. Der Gegensatz Ost gegen West wird bewusst von Leuten benutzt, die das politisch instrumentalisieren wollen. Ich wünsche mir, dass mehr gesamtdeutsch im Hier und Jetzt gedacht wird. Ich finde, wir alle können stolz sein auf das, was in den letzten 30 Jahren geschaffen worden ist – wirtschaftlich und politisch.

Aber wenn wir mal auf die Wahlergebnisse blicken, auf die AfD, wie unterscheidet sich die Mentalität im Osten?

Jahn: Die Ursache für Wahlverhalten sind vielfältig, der Faktor „ostdeutsch“ allein wird der Sache nicht gerecht. Das zeigen auch die Erhebungen nach den Wahlen, in denen zum Beispiel in strukturschwachen Regionen anders gewählt wird als in Großstädten. Aber natürlich kann es auch langfristige Auswirkungen haben, wenn man in einer geschlossenen Gesellschaft, in einem autoritären System gelebt hat. Aber es ist doch nicht zwangsläufig so, dass man sich rechtsaußen orientiert, nur man in einer kommunistischen Diktatur gelebt hat.

Laut einer Bertelsmann-Studie haben 80 Prozent der Ostdeutschen den Eindruck, dass es in der DDR Dinge gegeben hat, die es zu bewahren gegolten hätte. Was wäre das für Sie persönlich?

Jahn: Es wird immer herbeigeredet, dass man in der DDR freundlicher miteinander umgegangen wäre. Ich kann nur sagen: Die größte Solidarität habe ich im Zuchthaus Cottbus erlebt. Wir arbeiteten gemeinsam im Kartoffelkeller, acht Häftlinge, die alle wegen des Eintretens für Menschenrechte einsaßen. Es sind die Zwangsgemeinschaften, die Menschlichkeit und Solidarität am meisten herausfordern.

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