Große Gesten
Experte analysiert die Körpersprache von Donald Trump und Joe Biden

Donald Trump und Joe Biden unterscheidet viel – auch die Mimik und Gestik. Ein Experte für Körpersprache analysiert Stärken und Schwächen der Kontrahenten. Er gibt Tipps für die weiteren TV-Duelle.

Sonntag, 04.10.2020, 14:00 Uhr
Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden beim ersten von drei TV-Duellen. Foto: imago-images

Für Dirk Eilert ist das erste TV-Duell der US-Präsidentschaftskandidaten eine verkehrte Welt – zumindest mit Blick auf die Körpersprache. „Man hätte fast denken können, dass Biden der Präsident und Trump der Herausforderer ist“, stellt der Experte für Mimik und Gestik fest. Denn während Biden beim Schlagabtausch präsidial, ruhig und besonnen gewirkt habe, war Trump das glatte Gegenteil. „Im deutschen Wahlkampf können Sie bei TV-Debatten auch ohne Ton erkennen, wer Amtsinhaber und wer Herausforderer ist. An den Gesten ist abzulesen, dass der Herausforderer immer angriffslustiger ist“, sagt Eilert. Aber in den USA ticken die Uhren anders – vor allem während der Trump-Präsidentschaft. Der Republikaner blieb mit einem hitzigen Auftreten seinem Stil treu.

Dabei stellt Eilert dem US-Präsidenten nach dem ersten TV-Duell mit Blick auf die Körpersprache keinesfalls ein schlechtes Zeugnis aus. „Trump war nicht nur extrem angriffslustig, sondern wirkte auch sehr selbstsicher.“ So habe der US-Präsident bei seinen Erläuterungen die Hände im Takt der Worte von oben nach unten bewegt. „Solche Rhythmusgesten symbolisieren Dominanz, Durchsetzungsstärke und Überzeugungskraft.“ Eine „klassische Trump-Geste“ sei auch, dass der 74-Jährige Daumen und Zeigefinger zu einem Ring forme – und damit besonders viel Aufmerksamkeit generiere.

„Trump ist permanent im Angriffsmodus“

Trump habe sich die Anspannung nicht anmerken lassen. „Er hat fast keine Stresssignale gezeigt“, meint Eilert. „Dazu gehören häufiges Lecken über die Lippen, eine erhöhte Blinzelrate, ein unruhiger Stand oder das Kratzen im Gesicht.“ Bei Biden war das anders: Er kratzte sich auch im Gesicht: „Politiker lernen eigentlich im ersten Medientraining, dass man das nicht macht.“ Doch Eilert legt auch Trumps Schwächen offen: „Immer der gleiche Gesichtsausdruck, immer die gleichen Gesten: Er ist permanent im Angriffsmodus.“

Und Trump deutet immer wieder mit dem ­Zeigefinger auf Biden. „Das ist eine Verachtungsgeste, die respektlos ist. Damit stellt man sich über andere Menschen.“ Dazu passe ein Gesichtsausdruck, der immer wieder bei Trump zu beo­bachten sei: „das einseitige Hochziehen der Oberlippe und das einseitige Einpressen des Mundwinkels“. Eilert entging auch nicht, dass Trump einmal einseitig mit der Schulter zuckte – und dabei von sich in der dritten Person sprach. „Das sind gleich zwei Hinweise auf eine Lüge. Eine distanzierende Sprache benutzen wir, wenn wir lügen.“ Eilert hat offenbar recht mit seiner Beobachtung: Trump sprach in dem Moment von einem Sheriff in Portland, der ihn unterstütze – was der Sheriff nach dem TV-Duell umgehend bestritt.

Mimik-Experte und Buchautor

Dirk W. Eilert gehört zu den deutschlandweit gefragtesten Mimik- und Körpersprache-Experten. Für TV- und Radiosender hat er in der Vergangenheit unter anderem die Duelle der Kanzler­kandidaten analysiert. Der 43 Jahre alte Berliner veröffent­lichte zudem mehrere Bücher über nonverbale Kommunikation.

In diesem Jahr ist sein neues Werk „Körpersprache entschlüsseln & verstehen“ erschienen. Eilert hat ein eigenes System für die Codierung der Körpersprache entwickelt. Dabei hat er nach eigenen Angaben 170 Signale für Körpersprache untersucht und analysiert.

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Bidens Gestik deutete auf keine Lüge hin, aber ihm lief dafür die Zeit davon. „Er schaute immer wieder nach oben auf die Uhr, um zu sehen, wie viel Redezeit er noch hat.“ Dabei hätte er doch wissen können, welche fatale Wirkung das auf die Zuschauer haben kann. Im Jahr 1992 blickte der damalige US-Präsident George Bush senior bei einer TV-Debatte mit seinen Kontrahenten Bill Clinton und Ross Perot auf die Armbanduhr. „Das hat damals gewirkt wie: Wann bin ich hier wieder raus?“, sagt Eilert. Biden habe auch aufgrund des Blicks zur Countdown-Uhr einen unsicheren Eindruck gemacht. „Wenn ich der König bin, dann gucke ich nicht auf die Uhr. Dann ist es mir doch egal, wie viel Zeit ich habe. Der Moderator wird mir schon ein Zeichen geben.“

Wenn Biden an der Reihe war, ließ er sich ständig von Trump unterbrechen. Doch damit nicht genug: „Wenn Trump seinen Konkurrenten angegriffen hat, blickte Biden oft nach unten und lachte, als wenn er resignierte. Das wirkt so, als wenn er Trump nichts entgegenzusetzen hat.“ Ganz anders war es, wenn Biden den Kontakt mit dem Publikum suchte. „Er hat immer wieder direkt in die Kamera geblickt und damit seine Wähler angeschaut. Das ist genial und ein kluger Schachzug.“ Zudem habe Biden zwar Besonnenheit und Ruhe ausgestrahlt, aber nach Meinung von Eilert manchmal zu viel davon. „Ihm fehlte die Angriffsenergie und die Vitalität“. Mit Blick auf Mimik und Gestik sei nicht zu erkennen, dass der 77-jährige Biden nur drei Jahre älter ist als Trump. „Was die Körpersprache und die Energie angeht, sah das nach mehr Jahren Unterschied aus.“

“Biden muss Trump direkt konfrontieren, indem er ihn anschaut“

Deswegen weiß Eilert auch schon, was Biden bei den beiden nächsten TV-Duellen am 15. und 22. Oktober verbessern kann: „Er muss Trump direkt konfrontieren, indem er ihn anschaut“, fordert der Experte. „Unter Männern geht das übrigens. Wenn aber ein Mann eine Frau in einer TV-Debatte attackiert, ist das anders – das kommt nicht gut an. Im Kopf ist verankert: Ein Mann ist stärker und greift keine Frauen an.“ Das habe man 2017 ge­sehen, als der damalige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz Kanzlerin Angela Merkel direkt angegriffen habe. „Das war einer seiner großen Fehler im TV-Duell.“ Biden dürfe zudem nicht mehr nach unten schauen, wenn Trump ihn attackiere. „Er muss von Anfang an Sicherheit ausstrahlen.“

Und welche Tipps gibt Eilert Trump? „Eigentlich müsste er Biden mehr ausreden lassen. Dann würde er präsidentieller wirken“, sagt er. „Aber mit dieser Strategie hat Trump zumindest Biden immer wieder aus dem Konzept gebracht und ihm seinen Stil aufgezwungen.“ Und was ist mit den verachtenden Gesten? „Die entscheidende Frage ist doch, wie wichtig dem Wähler ein respektvoller Umgang ist.“ Schließlich weiß auch Eilert, dass die Fronten zwischen Trump-Gegnern und -Bewunderern verhärtet sind. Eines steht fest: Am Ende, also am Wahltag, kommt es nicht nur auf große Gesten an.

Donald Trump und Joe Biden unterscheidet viel – auch die Mimik und Gestik. Ein Experte für Körpersprache analysiert Stärken und Schwächen der Kontrahenten. Er gibt Tipps für die weiteren TV-Duelle.

Interview mit Professor Steven Billet von der George-Washington-Universität

Drei Fragen an Professor Steven Billet 

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie am Freitagmorgen von der Infektion Trumps erfuhren?

Billet: Ich bin wie viele Experten geschockt, aber nicht überrascht. Donald Trump hat so getan, als könnte er diese Pandemie kontrollieren und das Virus einfach wegzaubern. Dabei gibt es einige Bedenken bezüglich seiner Anfälligkeit wegen seiner Vorerkrankungen. Und man sollte nicht zu viel Transparenz von seinem Mitarbeiterstab erwarten. Wir müssen uns nun auf unsere demokratischen In­stitutionen und Verfassungsprozesse verlassen, um einen Weg vorwärts zu finden – eine Anforderung, die unsere politischen Anführer wahrlich herausfordert in einer Zeit von einer übergroßen Parteilichkeit und einer Wahl, die kaum mehr als einen Monat entfernt ist.

Was sind die größten Sorgen?

Billet: Ich bin sehr besorgt um die Nationale Sicherheit, weil Trump niemals eine Schwäche oder Verwundbarkeit zugeben würde. Das Trump-Lager wird genau aufpassen, was an die Öffentlichkeit dringt. Wahrscheinlich wird ein Teil seines Stabs in Quarantäne gehen. Auch das führt zu Fragen, ob die Präsidentschaft noch ordentlich funktioniert. Bislang ist ja Vizepräsident Mike Pence negativ getestet worden. Das wird nun noch ein paar Mal wiederholt werden müssen, um sicherzugehen, dass er nicht infiziert ist. Es spricht Bände, dass der Stabschef Mark Meadows bei seinem aktuellen Briefing aus dem Weißen Haus keine Maske trug und nur knappe Auskunft gab. Die Wahrheit, die Transparenz und die Ehrlichkeit sind schon zu diesem Zeitpunkt zusätzliche Opfer im Weißen Haus.

Und was wird aus dem Wahlkampf?

Billet: Es gibt drei Fragen: Wird es noch eine Präsidentendebatte geben? Wahrscheinlich wohl nicht. Und wird es ein Votum des Senats für Amy Coney Barrett noch vor der Wahl geben, wie Trump es plant? Senatsführer Mitch McConnell wird mit Sicherheit versuchen, dies durchzusetzen, um eine konservative Nachfolgerin am Surpreme Court noch rasch durchzusetzen. Langfristig ist die Frage: Werden die Republikaner versuchen, die Wahl wegen dieser Schwierigkeiten zu verzögern? Es ist gesetzlich kaum möglich, aber denkbar.

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