Interview mit Professor Rey Koslowski
Trumps langer Schatten: US-Experte über die Zukunft der Republikaner

Münster/New York -

Von wegen Ende des „Trumpismus“. „Donald Trump wird weitermachen – nur anders“, erklärt Professor Rey Koslowski von der New York State University in Albany.

Dienstag, 10.11.2020, 09:00 Uhr aktualisiert: 10.11.2020, 09:10 Uhr
Rey Koslowski geht davon aus, dass Donald Trump bei den Republikanern und ihren Amtsträgern im Kongress weiter eine große Rolle spielt – nur in anderer Form. Foto: dpa

Wird der Trumpismus vorbei sein, wenn Donald Trump irgendwann das Weiße Haus verlässt?

Koslowski: Nein. Über 70 Millionen Amerikaner haben gerade für Trump gestimmt – und das, wo sie doch vier Jahren Erfahrungen mit ihm sammeln konnten. Das sind sieben Millionen mehr als 2016. Egal, was Trump nach der Ernennung Joe Bidens am 21. Januar macht, der von ihm in die republikanische Partei eingespeiste rechte Nationalismus wird fortdauern.

Trump wird sich aber eine neue Rolle in dieser nationalen Bewegung suchen. Er könnte ein Medienunternehmen starten als Konkurrenz zu seinem bisherigen Haussender Fox News und diese Medienwirkung mit der seiner 88 Millionen Twitter-Follower kombinieren. So würde er als Königsmacher bei republikanischen Vorwahlen fungieren, weil seine Follower bei der nächsten Wahl den von ihm favorisierten Kandidaten wählen. Doch nachdem er das Weiße Haus verlassen hat, kann er nicht länger auf die Immunität vor Strafverfolgung setzen.

Die „New York Times“ geht von rund 30 Verfahren aus, die derzeit gegen ihn laufen – von sexuellem Missbrauch, Betrug bis hin zu Steuerhinterziehung. Von einer Gefängniszelle aus könnte es aber schwer werden, eine größere Rolle in der Politik zu spielen. Es geistert ja auch das Gerücht herum, dass er das Land verlassen könnte – und dann in einem selbst auferlegten Exil lebt.

Der Wahl-Krimi in Bildern

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    Joe Biden, hier bei einer Kundgebung am Community College of Beaver County, setzte im Schlussspurt des Wahlkampfes unter anderem auf Musik des Rappers Eminem in einem Wahlwerbespot. 

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  • Dienstag gestikulierte US-Präsident Donald Trump am Südrasen des Weißen Hauses, nachdem er seinen Hubschrauber Marine One verlassen und seine Anhänger begrüßt hatte. Auch im diesjährigen Wahlkampf setzte Trump auf die charakteristische Cap mit dem Schriftzug "Make America great again". 

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  •  Bewaffnete Anhänger von US-Präsident Trump  vor dem Büro des Bezirksschreibers von Maricopa County, wo die Stimmen für die Präsidentschaftswahl ausgezählt wurden. Anhänger von Trump hatten in unterschiedlichen Staaten parallel für das Fortführen der Auszählung und dagegen demonstriert.

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  • Die Proteste führten sogar dazu, dass Orte, an denen Stimmen ausgezählt wurden, von der Polizei bewacht werden mussten. 

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  • Cowboy für die Demokraten: Tito Mata trägt am Tag der US-Präsidentschaftswahl einen Biden-Harris-Kampagnen Button an seinem Hut während er noch vor dem Wahllokal der Burns-Grundschule in Brownsville Wahlkampf betreibt. Im Bundesstaat Texas erreicht Biden dennoch nur 46,3 Prozent der Stimmen und muss sich damit Trump geschlagen geben. 

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  • Die Wählerin Jennifer Fresques macht hier Ende Oktober ein Selfie, bevor sie ihren Stimmzettel in eine offizielle Wahlurne im Bundesstaat Utah einwirft. Insbesondere die Briefwahl war von Trump scharf angegriffen worden. 

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  • Geht es nach einigen Anhängern von Donald Trump, dann soll die Zählung dieser Briefwahlstimmen gestoppt werden. Eine Person zündet in Portland während einer Demonstration für die Auszählung aller Stimmen im Rahmen der Präsidentschaftswahl eine US-amerikanische Fahne an.

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  • San Bernardino: Wahlhelfer mit Plastik-Schild und Maske zählen auf diesem Bild am Wahltag Stimmzettel im Wahlbüro des Landkreises aus. Die Wahl und die Auszählung der Stimmen steht auch im Zeichen der Coronavirus-Pandemie. 

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  • In Dixville Notch herrschen klare Verhältnisse. Joe Biden erhielt alle fünf Stimmen. In dem kleinen Örtchen Dixville Notch in New Hampshire gab es nur fünf Stimmzettel. Dementsprechend schnell konnte ausgezählt werden. 

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  • Die Wahl wird auch in der Kunst bereits aufgegriffen. Auf die Fassade des Kasseler Museums Fridericianum sind  Filmschnipsel der US-Künstlerin Trisha Baga projiziert. Unter anderem Impressionen von einem Modell des Weißen Hauses, Präsident Trumps Twitter-Account, Covid-19-Nachrichten und brennenden Wälder gab es zu sehen.

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  • Das amerikanische Wahlsystem mag aus dem 19. Jahrhundert stammen, doch der Wahlkampf wurde mit allen technischen Hilfsmitteln geführt. Neben dem Fernsehen spielten erneut auch Internet-Netzwerke eine große Rolle. 

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  • Harrisburg: Eine Frau, die als Freiheitsstatue verkleidet ist, nimmt an einer Demonstration für die Auszählung aller Stimmen im Rahmen der Präsidentschaftswahl teil. Anders als bei vergangenen Wahlen gab es in der Wahlnacht selbst noch keine Entscheidung, wer Präsident wird. Letztmalig war das Ergebnis  im Jahr 2000 so eng. Damals traten G.W. Bush und Al Gore an. 

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  • Warten auf den neuen Präsidenten: Drei Tage nach dem Wahltag zeigt die Laufschrift des Comedy-Veranstaltungsorts "Raleigh Improv" in Cary, NC, "Wait for it" (Übersetzt: Wartet darauf), während die Nation weiterhin auf die Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen wartet.

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Wie lange halten die Republikaner zu ihm?

Koslowski: Das kommt darauf an, wie unabhängig sie sind. Republikanische Amtsinhaber und aufstrebende Politiker der Partei dürften weiter hinter Trump stehen. Sie benötigen die Wählergunst und wollen sich nicht von Trumps Anhängern entfremden, wenn er das Weiße Haus verlässt. Kritischer gegenüber Trump dürften sich vor allem die republikanischen Senatoren geben, die nicht 2022 oder 2024 zur Wahl stehen. Sie dürften zu republikanischen Positionen vor der Trumpzeit zurückkehren.

Wird Joe Biden die Nation aussöhnen?

Koslowski: Hoffentlich. Biden wird einen ernsthaften Versuch machen, die Nation auszusöhnen. Die Regierung will endlich eine staatliche Führungsrolle in der Bekämpfung der Corona-Pandemie übernehmen und neue Konjunkturprogramme auf den Weg bringen. Doch dafür benötigt Biden wenigstens eine Handvoll Republikaner im Senat, die mit ihm Kompromisse moderieren. Biden wird sich deshalb vom ultralinken Flügel seiner Partei abgrenzen. Das wird ihm wahrscheinlich gelingen, weil linke Kandidaten fürs Kabinett sowieso keine Chance haben, vom Senat bestätigt zu werden, der derzeit in repu­blikanischer Hand ist. Biden könnte so ein moderates Team um sich scharen, das in der Lage ist, übergreifende Konsense zu erzielen.

Wird die Demokratie leiden oder wird sie am Ende gestärkt sein?

Koslowski: Beides, aber das Leiden kommt zuerst. Donald Trumps Angriffe auf die Demokratie wird man ertragen müssen, zunächst bis am 14. Dezember die Wahlleute den Präsidenten gewählt haben, dann noch bis das Ergebnis am 6. Januar bekanntgegeben wird. Es gibt Parallelen zu einer Corona­infektion: Die Demokratie leidet, aber wenn sie am ­Ende überlebt, dürfte sie ­wenigstens Antikörper entwickelt haben, um in Zukunft ähnliche Angriffe besser abwehren zu können.

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