Evangelische Kirche
Weniger Kirchenaustritte im Corona-Jahr 2020

Das Corona-Jahr 2020 hat die evangelische Kirche nach den Worten ihres Ratsvorsitzenden für immer verändert. Die Abwanderung der Mitglieder konnte abgebremst werden. Weniger gut sieht es bei den Kirchensteuern aus.

Donnerstag, 15.04.2021, 10:02 Uhr aktualisiert: 15.04.2021, 10:04 Uhr
«In dieser Pandemie ist es doch ein Glück, dass wir die Kirche mit allen ihren Einrichtungen haben»: Heinrich Bedford-Strohm. Foto: Sven Hoppe

Berlin (dpa) - Im Corona-Jahr 2020 sind deutlich weniger Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten als im Jahr zuvor.

Nach vorläufigen Zahlen hätten 10 bis 20 Prozent weniger Mitglieder der Kirche den Rücken gekehrt, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, der Deutschen Presse-Agentur.

«Vielleicht ist es tatsächlich so, dass viele Menschen so ein Gefühl hatten: In dieser Pandemie ist es doch ein Glück, dass wir die Kirche mit allen ihren Einrichtungen haben, so fehlbar sie auch sein mag.» Die Kirchensteuereinnahmen seien aufgrund der niedrigeren Einkommen in der Corona-Krise allerdings deutlich geringer ausgefallen.

«In unserer bayerischen Landeskirche haben wir 2020 zum Beispiel bei einem Haushaltsvolumen von 960 Millionen Euro einen Rückgang der Erträge von 110 Millionen gehabt, der wesentlich durch Kirchensteuerausfälle verursacht war», sagte der bayerische Landesbischof. Das mache schmerzhafte Einsparungen unumgänglich. «Da müssen jetzt Dinge gestrichen werden, auch segensreiche Dinge. Und das tut weh.»

Insgesamt sieht Bedford-Strohm die Kirche durch die Pandemie aber gestärkt. Ihre Angebote würden verstärkt in Anspruch genommen. «Bei der Telefon-Seelsorge haben sich allein in der Chat-Seelsorge 70 Prozent mehr Menschen gemeldet. Davon sind die meisten junge Leute. Das ist ein deutlicher Zuwachs.»

Über die Fernsehgottesdienste und digitalen, teils auch interaktiven Formate hätten viele Menschen wieder neu zur Kirche gefunden. Der Unterschied zur Gemeinde vor der Haustür sei, dass man online aus einem riesigen Angebot auswählen könne. Da finde jeder das Richtige für sich.

Insofern könne es sogar sein, dass die Kirche mit mehr Gottesdienstbesuchern aus der Corona-Krise herauskomme, sagte Bedford-Strohm. Auf jeden Fall werde sich die Kirche künftig vielfältiger präsentieren. «Wir werden nicht mehr in den Vor-Corona-Zustand zurückkehren. Gleichzeitig bin ich aber auch davon überzeugt, dass die Leute ausgehungert sind nach physischem Kontakt. Für das Gemeinschaftserlebnis sind digitale Formate nur ein begrenzter Ersatz.»

Bedford-Strohm schlug eine Enquete-Kommission Corona-Folgen im Bundestag vor. «Wir brauchen eine systematische Erfassung dessen, was da im vergangenen Jahr in der Gesellschaft passiert ist», sagte er. «Wir haben solche Kommissionen bei verschiedenen Fragen gehabt - etwa beim Klimawandel oder der Digitalisierung.»

Aus seiner Sicht habe sich diese genaue Betrachtung der Themen aus unterschiedlichen Perspektiven bewährt. «Ich verspreche mir von so einer Enquete-Kommission eine Antwort auf die Frage: Was hat die Pandemie im Bewusstsein der Menschen ausgelöst - und welche Chancen auf Neubesinnung bietet das für die Zukunft?»

An die Parteien appellierte Bedford-Strohm, Lehren aus der Corona-Pandemie zum zentralen Thema des Bundestagswahlkampfs zu machen. «Die Politik hat jetzt die Chance, bestimmte Dinge neu zu justieren», sagte er. «Da ist der Klimawandel auf jeden Fall eine Frage, aber auch die soziale und weltweite Gerechtigkeit. Wir können nicht damit weitermachen, dass jeden Tag weltweit 24 000 Menschen, vor allem Kinder und Frauen, einen vermeidbaren Tod als Folge von Mangel- und Unterernährung sterben.» Er erwarte von der Politik, dass sie im Wahlkampf über diese Fragen spreche. «Die Leute haben ein sehr genaues Gespür dafür, ob es nur um persönliche und um Partei-Interessen geht oder ob wirklich das große Ganze im Zentrum steht.»

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