Familie
Tragen stärkt die Gesundheit von Babys

Anhock-Spreiz-Haltung: Was fast schon nach einer olympischen Disziplin klingt, beschreibt in Wahrheit die natürliche Position von Neugeborenen. Es bedeutet, dass das Kind die Arme spreizt und die Beine anzieht. Evolutionstechnisch entstand sie, weil Säuglinge der Urzeit-Menschen sich an die Mutter klammerten, während diese auf Nahrungssuche war. Doch wieso ist dieses Wissen auch heute noch wichtig für Eltern?

Mittwoch, 09.09.2020, 09:04 Uhr aktualisiert: 09.09.2020, 09:06 Uhr
Foto: Bild von Detmold auf Pixabay

Historischer Überblick: Vom Tragegurt zum Kinderwagen – und wieder zurück?

Bis am Ende des 18. Jahrhunderts der Kinderwagen erfunden wurde, war es üblich, Babys am Körper zu tragen – oder gelegentlich mal in Schubkarren zu fahren. Diese Erfindung eroberte die Welt. Doch seither befassen sich neue Studien mit der Kindsentwicklung und dabei sind sich die Forscher einig: Entwicklungsphysiologisch bringt es viele Vorteile, sein Kind zu tragen.Ein Grund dafür ist der gerundete Rücken von Neugeborenen. Dieser sorgt dafür, dass der Körper des Säuglings sich an den des Tragenden anpasst. Das Ergebnis: Weniger körperliche Probleme bei dem Kind.

Babys zu tragen, stärkt sie körperlich

In den ersten Lebensmonaten entwickeln Babys sich besonders schnell. Um sie dabei zu unterstützen, können Eltern Tragetücher, -hilfen und  Tragejacken für ungemütliches Wetter nutzen . Denn indem das Baby Gehbewegungen ausgleicht, wird bereits sein Muskelwachstum und der Gleichgewichtssinn gefördert. Beide Punkte helfen, Fehlstellungen am Körper des Kindes zu vermeiden.Zu den körperlichen Problemen, die durch Tragen verhindert werden können, gehören:

  • Hüftdysplasie
  • lagerungsbedingter Schiefkopf
  • Drei-Monats-Koliken

Hüftdysplasie

Die  leicht gespreizten Beine bei der Spreiz-Anhock-Haltung helfen, das kindliche Hüftgelenk richtig auszubilden . Probleme wie Hüftdysplasie sind deshalb bei Neugeborenen, die getragen werden, seltener.

Platter Hinterkopf und Schiefkopf

Eltern wird empfohlen, ihr Kind auf dem Rücken schlafen zu lassen. So wird der plötzliche Kindstod vermieden. Allerdings führt die Haltung bei vielen Babys zu einem lagerungsbedingten Schiefkopf. Durch den Stellungswechsel beim Tragen wird eine Fehlbildung des Kopfes verhindert.

Dreimonatskolik

Drei-Monats-Koliken sind eine anstrengende Zeit für Eltern und Kind, die durch Tragen erleichtert werden kann. Grund dafür: Die  Bewegung von Mutter oder Vater massiert den Bauch sowie Akkupressurpunkte an den inneren Unterschenkeln des Kindes und hilft gegen Bauchschmerzen .

Psychische Entwicklung von Neugeborenen fördern

Das sogenannte Urvertrauen ist das Bewusstsein des Babys, dass seine Eltern es schützen und versorgen werden. Es bildet sich bereits während der Schwangerschaft, wenn der Fötus den Herzschlag der gebärenden Person spürt und die Stimmen der Eltern hört.Dieses Gefühl weiter auszubauen, ist möglich, indem das Baby eng am Körper getragen wird. Die Nähe beruhigt das Kind und verstärkt die Beziehung bereits von Anfang an. Das gilt übrigens für beide Seiten, denn Forschungen zeigen, dass Eltern, die ihre Kinder tragen, mehr mit diesen sprechen. Das fördert außerdem die Sprachentwicklung und das Gedächtnis. So fällt es dem Kind später leichter, bedeutungsvolle Verbindungen zu anderen Menschen aufzubauen und selbstständig zu leben.

Die richtige Menge an Reizen

Wird ein Baby viel im Kinderwagen geschoben, ist es eher abgeschottet. Für die beste neuronale Entwicklung des Kindes ist es jedoch wichtig, es mit Reizen zu stimulieren. Es lernt praktisch im Vorbeigehen.Zudem regt die Bewegung die Hirntätigkeit des Neugeborenen an und fördert das Wachstum von Nervenzellen im Hirn. Es ist also zu vermuten, dass Kinder, die als Babys getragen wurden, es später in der Schule leichter haben.Das dauerhafte Einstürmen neuer Reize kann erschöpfend für das Baby sein. Am Körper der Eltern getragen, fällt es dem Kind leicht, sicher einzuschlafen. Im Traum werden dann die neuen Eindrücke verarbeitet.

Nervenstärke und Nähe durch Tragen

Babys zu tragen, bietet viele Vorteile. Die Abwechslung von der liegenden Position sowie die übertragenen Bewegungen der Eltern fördern den Muskelaufbau. So werden Fehlstellungen an Hüfte und Hals vermieden. Auch hilft die Bewegung dem Nervenwachstum des Kindes. Wohl am wichtigsten ist aber die gestärkte Eltern-Kind-Bindung, welche die körperliche Nähe begünstigt.Kinderwägen sind ohne Zweifel praktisch. Sie bieten Ladefläche für alles, was das Kind benötigt. Die Bewegungsfreiheit der Eltern ist weniger eingeschränkt. Aber sie nehmen auch viel Platz weg und schränken die Bindung zum Kind ein.Von den positiven Effekten profitieren übrigens nicht nur Säuglinge; auch Kleinkinder werden körperlich und geistig gestärkt. Deshalb sollten mehr Eltern in Betracht ziehen, ihre Kinder zu tragen.

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