Clever vernetzt
Kann ich mit smarten Thermostaten Heizkosten sparen?

Vernetzte Thermostate versprechen große Einsparungen bei den jährlichen Heizkosten und bieten praktische Zusatzfunktionen. Aber lassen sich die Anschaffungskosten jemals wieder herausholen?

Montag, 08.03.2021, 04:49 Uhr aktualisiert: 08.03.2021, 04:52 Uhr
Schön bequem von der Couch die Heizung hochdrehen? Klappt - mit vernetzten Thermostaten. Eine Geldspargarantie gibt es aber nicht. Foto: Christin Klose

Potsdam/Hannover (dpa/tmn) - Nachzahlungen von Nebenkosten mag niemand, hohe Gas- oder Ölrechnungen auch nicht. Und nicht jeder hat die Disziplin, auch immer beim Lüften oder am Abend die Heizung herunterzudrehen. Und als Mieter hat man im seltensten Fall Einfluss auf den Heizkessel im Keller.

Wie toll, dass es vernetzte Thermostate gibt. Einfach statt der Drehregler anschrauben, Temperaturprofile einstellen und ab dann geht alles automatisch, auch das Geldsparen. Aber ist das wirklich so? Wir haben nachgefragt.

- Smarte Thermostate: Was ist das eigentlich?

Sie funktionieren im Prinzip wie die üblichen Drehregler, nur halt elektrisch und elektronisch. Das Ventil an der Heizung wird mit einem kleinen Elektromotor geschlossen und geöffnet. Eine Regelelektronik überwacht die Temperatur und hält die Verbindung zur Steuerzentrale. Das kann je nach Hersteller ein alleinstehende Box oder der Internetrouter sein. So ein Thermostat kostet zwischen 40 und 70 Euro.

- Kann ich damit wirklich Heizkosten sparen?

Manche Hersteller versprechen bis zu 30 Prozent Heizkosteneinsparung. Matthias Wagnitz ist da aber skeptisch. Der Referent für Energie- und Wärmetechnik beim Branchenverband ZVSHK sagt: «Wie sehr man sparen kann, hängt auch sehr davon ab, wie man vorher geheizt hat.» Soll heißen: Wer schon immer abends die Heizung runter dreht und sie tags nicht auf 5 stehen lässt, kann weniger einsparen als Menschen, die gerne warm schlafen und auch mal aus dem Fenster heizen.

Auch Nico Jurran vom «c't»-Magazin sagt: «Wenn Sie vernünftig heizen, dann werden Sie große Schwierigkeiten haben, mit einem normalen Smarthome-Konzept noch etwas zu sparen.» Er geht sogar noch weiter: «Die generelle Aussage, dass man Geld spart, ist totaler Quatsch.»

- Okay, aber warum ist das eigentlich so?

Das liegt zunächst einmal daran, dass es nicht die eine Heizung und die eine Wohnsituation gibt. Als Mieter kann man zum Beispiel eine Zentralheizung haben, eine Etagentherme oder Fernwärme. Oder es gibt eine Fußbodenheizung oder Nachtspeicheröfen - dann lassen sich solche Geräte fast nie integrieren. Man kann in einem gut oder einem schlecht isolierten Haus wohnen.

Eigenheimbewohner können alte Kessel mit Guss-Heizungen haben, einen Brennwertkessel, Niedrigtemperaturheizung oder gar in einem Niedrigenergiehaus mit schlauer Wärmesteuerung wohnen. Sie sehen: Das ist so komplex und es gibt so viele mögliche Einzelfälle, da sind pauschale Sparversprechen wenig glaubwürdig.

- Aber hat das eigentlich mal einer ausgerechnet?

Ja, die Stiftung Warentest im Jahr 2019. Sie hat in einer Beispielmessung (Mehrfamilienhaus, Wohnung mit 70 Quadratmetern, sechs Heizungen, schlechte Isolierung) ein Einsparpotenzial von gut acht Prozent ermittelt, wenn man zum Beispiel nachts die Temperatur absenkt oder bei Abwesenheit. Zieht man dann noch die Grundkosten ab, bleiben sechs Prozent übrig. Das sind bei angenommenen Heizkosten von 1000 Euro im Jahr immerhin 60 Euro, rechnet Reiner Metzger von der Stiftung Warentest vor.

- Hat diese Rechnung vielleicht eine Schwäche?

Nicht wirklich. Für die Beispielwohnung ist sie gut und auch ZVSHK-Experte Wagnitz sagt: Für Mieter in einem schlecht gedämmten Haus ohne Einfluss auf die Nachtabsenkung der Heizung gibt es durchaus Einsparpotenzial. Für andere Wohnformen taugt die Rechnung aber nur bedingt.

Bewohner von Einfamilienhäusern können zum Beispiel eine Nachtabsenkung meistens bereits am Kessel einstellen, sagt Matthias Wagnitz. Sie könnten über smarte Systeme eventuell noch etwas sparen, indem einzelne Räume angepasste Heizzeiten bekommen - etwa wenn das Bad nur morgens geheizt wird. Pauschal ausrechnen kann man so etwas aber nicht. Die eine Einsparrechnung für alle möglichen Wohnformen gibt es nicht.

- Okay verstanden. Und wann rechnet sich das jetzt?

Möglicherweise nie. Rechnet man mal für die sechs Heizkörper der Beispielwohnung 300 Euro Anschaffungskosten für die Thermostate, ist man im besten Beispielfall nach fünf Jahren bei Null. Hinzu kommen Kosten für Batterien und - Augen auf - bei manchen Systemen Abopreise für Zusatzleistungen. «Wenn Sie das alles gegenrechnen, so viel können Sie häufig gar nicht sparen», sagt Nico Jurran.

Hinzu kommt: Mit dem Thermostat lassen sich ja nur die Verbrauchskosten senken. An den Grundgebühren für Ablesen, Abrechnen, Umlagen für Treppenhaus oder Wohnflächenanteile und anderen Fixkosten ändert der schlaueste Thermostat leider nichts. Und: Kein Winter gleicht dem anderen.

- Brauche ich dann überhaupt vernetzte Thermostate?

Die einfache Antwort ist: nein. Wer seine Drehregler diszipliniert bedient, kann die Heizkosten auch senken. Die Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern rät etwa zu 21 Grad in häufig genutzten Wohnräumen und 18 Grad für Schlafzimmer. Die typischen Drehregler sind etwa so eingestellt, dass Stufe 3 etwa 20 Grad entspricht. Jeder weitere Strich auf der Skala entspricht einem Grad. Kälter als 16 Grad sollte es dauerhaft nicht in Räumen sein - sonst könnte erhöhte Feuchtigkeit zu Schimmelbildung führen.

Aber: Die einfache Antwort ist nicht immer die beste Antwort. Denn neben möglichen Einsparungen bieten vernetzte Thermostate noch mehr.

Gut eingestellt, sind sie extrem komfortabel. Die Heizung hält von selbst die Temperatur, schaltet abends runter, man kann sie von unterwegs schonmal anwerfen, manche Systeme erlauben komplexe Datenauswertungen. Zusammen mit Fensterkontakten lassen sich schlaue Schaltungen bauen - dann schaltet die Heizung etwa beim Lüften ab.

Und: «Die smarten Thermostate haben den Vorteil, dass Sie die Temperatur für jeden Heizkörper einzeln regeln können», sagt Reiner Metzger. Das ist dann auch bei zentral gesteuerten Heizungen praktisch und jeder kann in jedem Raum seine Wunschtemperatur einstellen.

- Es ist also eine Investition in Komfort?

Ja, da sind sich alle drei befragten Experten einig. «Es ist häufig eine Komfortfrage, selten eine Effizienzfrage», sagt Nico Jurran zum Nutzen solcher Systeme. «Wer seine Heizung per Sprachbefehl steuern will, soll das machen.» Vernetzte Lösungen haben auch den Vorteil, dass man alles bequem zentral per App oder im Browser einstellen kann. Zum Beispiel Heizzeiten für das ganze Jahr.

Ist die Heizung aus, öffnen und schließen etliche Lösungen regelmäßig die Ventile. So verkalkt nichts. Einmal eingerichtet, muss man sich also kaum mehr um die Heizung kümmern. Und das spart vielleicht kein Geld, verhindert dafür vielleicht aber manchen Krach mit den Mitbewohnern. Das ist auch viel wert.

- Was ist mit versteckten Kosten oder Schwächen?

Nico Jurran erinnert sich bei manchen getesteten Geräten an «echte Qualitätsprobleme». Im Test der Stiftung Warentest, berichtet Reiner Metzger, gab es keine Auffälligkeiten bei Qualität und Funktion der zehn geprüften Modelle. Langzeitdaten, sagt Metzger, gibt es aber zur Haltbarkeit der Geräte nicht. Zum Vergleich: Ein normaler Schraubthermostat hält leicht mehrere Jahrzehnte. Wie lange die smarten Brüder durchhalten, wird sich noch zeigen.

Weitere Kosten fallen natürlich für Batterien an und - so ehrlich muss man sein - den Batteriemüll sollte man nicht vergessen. Weitere mögliche Kosten gibt es laut Nico Jurran etwa für zusätzliche Temperaturfühler. Mit ihnen lässt sich die gerade in größeren Räumen unpräzise Temperatursteuerung direkt am Thermostat mit extra Daten vom anderen Raumende besser einstellen.

Bei manchen Systemen gibt es auch monatliche Kosten für die Nutzung von zusätzlichen Komfortfunktionen. Und auch der beliebte Schaltablauf-Dienst IFTTT (If this then that) ist mittlerweile ab der vierten Schaltung kostenpflichtig.

- Gibt es vielleicht einen günstigeren Weg zur schlauen Heizung?

Wer nicht zentral programmieren will und auch keine App- oder Sprachsteuerung braucht, kann auch einfachere elektronische Thermostate wählen. Sie sind mit Anschaffungspreisen von 10 bis 30 Euro deutlich billiger und nicht vernetzt, man kann aber einzeln Heizzeiten programmieren. So lassen sich Grundfunktion der Heizung automatisieren. Manche der Geräte können auch erkennen, ob gelüftet wird oder nicht.

«Das ist die niedrigschwelligste Sache, die Sie mit Ihrer Heizung machen können», sagt Reiner Metzger. Den zusätzlichen Komfort des Smarthome-Systems hat man dann aber nicht.

- Und jetzt? Vernetzen, Programmieren oder weiter drehen?

Zusammengefasst: Ob man mit vernetzten Thermostaten wirklich Geld spart, ist nach Expertenmeinung äußerst fraglich. In manchen Fällen mag das so sein und die Heizkosten sinken tatsächlich. In vielen anderen Fällen dürfte der Kostenaspekt eher kein Grund zum Umrüsten auf vernetzte Thermostate sein. Hier wäre dann eher der unbestrittene Komfort solcher Lösungen ein Argument für die Investition.

Programmierbare elektronische Thermostate sind auf jeden Fall die günstigere Lösung. Wer nun Anschaffungskosten, Installation und Batterietausch meiden will, nutzt am besten weiter die alten Schraubthermostate - mit der nötigen Disziplin.

© dpa-infocom, dpa:210305-99-706053/2

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