Wahrzeichen
«London Eye»: Ein Bauwunder feiert 20. Geburtstag

Vor genau zwanzig Jahren wurde das damals größte Riesenrad der Welt am Ufer der Themse aufgerichtet. Was damals als temporäre Attraktion anlässlich der Jahrtausendwende gedacht war, ist inzwischen zu einem der bekanntesten Wahrzeichen Londons geworden.

Mittwoch, 16.10.2019, 22:00 Uhr aktualisiert: 16.10.2019, 22:04 Uhr
Ein ewiges Symbol für den Lauf der Zeit: das «London Eye». Foto: Kirsty O'connor

London (dpa) - Alles begann mit einem Wettbewerb im Jahr 1993. Zur Feier der Jahrtausendwende wurden Ideen für ein Londoner Wahrzeichen gesucht.

Der inzwischen gestorbene Architekt David Marks (1952-2017) erinnerte sich an die Diskussion mit seiner Ehefrau, der Architektin Julia Barfield: «Wie konkurriert man mit dem Eiffelturm? Wir dachten nicht, dass ein Turm für London geeignet ist», erklärte er dem «Guardian». Doch dann hatte er die zündende Idee: ein Riesenrad!

Beim Wettbewerb gab es keinen Gewinner, doch Marks und Barfield gaben nicht auf. «Wir sagten uns: «Lass es uns einfach machen.» Aber das wurde schwieriger als gedacht. Gegner des Projekts kritisierten, dass dadurch das «Herz der Stadt» verschandelt würde. Sämtliche Behörden und Stadtviertel mussten zustimmen. Schließlich nahm das Architektenehepaar eine Hypothek auf und überzeugte den damaligen Chef von British Airways (BA), das «Millennium Wheel» wie es damals noch hieß, zu finanzieren. Denn die Kosten explodierten: von 10 Millionen auf 70 Millionen Pfund im Laufe der Jahre.

Doch die Designer glaubten erst an ihren Erfolg, als die ersten Bauteile die Themse hochgeschifft wurden und die Tower Bridge dafür geöffnet wurde. Das Rad wurde zunächst auf acht künstlichen Inseln im Fluss liegend zusammengebaut, noch ohne Kabinen. Die bestanden aus Spezialglas und wurden in Frankreich getestet: «Das ganze Dorf half uns», erinnerte sich Marks.

Schließlich war es im September 1999 soweit: In zwei Etappen sollte die Konstruktion zuerst auf 65 Grad hochgezogen und dann in den Stand «hochgeschwungen» werden.

Eine extreme Herausforderung, denn für Fehler gab es keinen Spielraum: An einer Stelle musste das Rad 50 Zentimeter entfernt von einer Hauswand vorbei. Mit Laserstrahlen wurde jede Abweichung überwacht. Zudem musste das Fundament zusätzlich stabilisiert werden: «An diesem Tag tauchten alle Zementtransporter in London auf einmal auf, weil alles zur gleichen Zeit nass sein musste», erinnerte sich die Architektin Julia Barfield im «Guardian». «Wir waren auf jeder Baustelle der Stadt sehr unbeliebt.»

Ein halbes Dutzend gigantischer Kräne begann, das Rad an 136 Stahlseilen zentimeterweise aus dem Wasser zu heben. Doch dann kam «ein peinlicher Moment», erinnerte sich Marks im «Guardian»: «Ein Seil löste sich dramatisch vor den Medien der Welt.» Der Versuch musste abgeblasen werden; beim zweiten Versuch im Oktober klappte es ohne Probleme. Doch BA-Konkurrent Virgin (Richard Branson) ließ über der Themse ein Luftschiff mit der spöttischen Aufschrift zirkulieren: «BA can't get it up» (British Airways kriegt es nicht hoch).

Schließlich wurde das damals größte Riesenrad der Welt am Sonntag, dem 17. Oktober 1999, in die Senkrechte gedreht und überragt seither mit seinen 135 Metern Londons Wahrzeichen Big Ben (also den berühmten Uhrturm am Palace of Westminster) und die St.-Pauls-Kathedrale. Die Touristen knipsten, obwohl die Gondeln noch nicht hingen.

Doch auch bei der bombastischen Feier zur Jahrtausendwende kam es zu einer peinlichen Panne: Mit Lasershow und Feuerwerk eröffnete der damalige britische Premierminister Tony Blair am Silvesterabend das Riesenrad. Allerdings hatten Fachleute bei einem Sicherheitstest am Vortag Mängel festgestellt und niemand durfte damit fahren. Das «London Eye» nahm erst am 9. März 2000 seinen Betrieb auf.

Seitdem wurden mehr als 5000 Heiratsanträge auf dem «London Eye» gemacht und über 500 Hochzeiten und eingetragene Lebenspartnerschaften gefeiert. Umweltschützer kletterten bereits vor der Eröffnung hinauf, um gegen einen Staudamm zu demonstrieren. Medaillengewinne wurden während der Olympischen Spiele 2012 per Lichtfarbe angezeigt. Und Bürgermeister Sadiq Khan verärgerte Brexit-Befürworter vergangenes Silvester, als das «London Eye» in den Farben der EU-Flagge leuchtete und das Motto verkündete: «London is open» (deutsch: «London ist offen»).

Diese Botschaft kommt auch bei Touristen an. Der Kursverfall des Britischen Pfunds seit dem Brexit-Votum 2016 lockte viele Urlauber in die britische Hauptstadt. Sie ließen sich auch nicht lange von den Terroranschlägen im Jahr 2017 vom Besuch abhalten.

Inzwischen ist das «London Eye» schon lange nicht mehr das welthöchste Riesenrad - derzeit verteidigt der «High Roller» in Las Vegas diesen Titel. Und seit 2013 ist es auch nicht mehr der höchste Beobachtungspunkt Londons: Der befindet sich auf dem Glasturm The Shard etwas östlicher am Themseufer in 245 Metern Höhe.

Dennoch lässt sich das Riesenrad nicht mehr aus der Londoner Skyline wegdenken, ein bleibendes Symbol für den Lauf der Zeit. «Das Beste am «Eye» ist die Reise. Es ist nicht wie beim Eiffelturm, wo Sie in einen dunklen Aufzug steigen und auf einer Plattform an der Spitze herauskommen», schwärmte Architektin Julia Barfield im «Guardian». «Die Reise einmal herum ist so wichtig wie die Aussicht.»

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