Autonomes Fahren
„Es wird neue Formen von Unfällen geben“

Münster -

Verkehrsexperten haben in Münster davor gewarnt, auf autonomes Fahren zu setzen, um Unfälle zu vermeiden. Am Rande des Deutschen Verkehrtsexpertentages am Dienstag bezeichnete Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch die Vorstellung, dass mit vollautomatisierten Autos die Zahl der Unfälle sinke, als „Schimäre“, der alle hinterliefen. Dabei gebe es andere nahe liegende Lösungen. „Aber wir weigern uns, die umzusetzen“, sagt er.

Dienstag, 19.11.2019, 20:00 Uhr aktualisiert: 20.11.2019, 07:42 Uhr
Verkehrsexperten fordern, statt auf Fahrassistenten zu warten, nahe liegende Maßnahmen zu ergreifen – wie ein Tempolimit auf der Autobahn. Foto: Jens Büttner/zb/dpa

Kuhlisch warb für Tempo 130 und Lkw-Überholverbote auf Autobahnen sowie höhere Bußgelder. Allein in diesem Jahr seien auf den Autobahnen zwischen Niedersachsen und Ruhrgebiet vier Menschen getötet und 40 schwerstverletzt worden, sagt er.

Peter Schlanstein, Dozent an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Münster, begrüßt den Vorschlag, die Geschwindigkeiten von Lastwagen und Autos auf Landstraßen einander anzugleichen. Demnach sollen Lkw dort in Zukunft nicht mehr nur Tempo 60, sondern 80 fahren dürfen. Gleichzeitig soll die Höchstgeschwindigkeit von Autos von 100 auf 80 gesenkt werden. „Das Problem sind die Unterschiede in den Geschwindigkeiten“, sagte er, Durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten würde die Schwere der Verletzungen enorm steigen. Über die Hälfte aller tödlichen Unfälle in Deutschland passierten auf Landstraßen.

Die Verkehrswissenschaftlerin Christine Sutter von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster verwies auf Studien, nach denen durch relativ einfache Assistenzsysteme wie Tempoassistenten 30 Prozent weniger Unfälle zu erwarten sind, durch komplexere wie Stauassistenten dagegen nur 22 Prozent. Fahrer müssten immer in der Lage sein, die Kontrolle über das Fahrzeug zu übernehmen. „Das ist schwierig, weil sie vielleicht mit etwas anderem beschäftigt waren und nicht sofort umschalten könnten“, sagt sie. Wenn Computer das Steuer übernehmen, sammelten die Fahrer auch weniger Erfahrung. Möglicherweise würden Fußgänger risikobereiter, weil sie auf die Notfallassistenten vertrauen. „Es wird neue Formen von Unfällen geben“, sagt Sutter. Ihr Fazit: „Ob durch die Automatisierung und Digitalisierung der Verkehr sicherer wird, halte ich für fragwürdig.“

Kommentar: Der Preis ist zu hoch

Inzwischen nehmen wir die Zahl der Verkehrstoten offenbar als gegeben hin: 3265 Tote durch Verkehrsunfälle in Deutschland allein 2018. Dazu kommen über 300.000 Verletzte. Die Reaktion: häufiges Schulterzucken. Als ob das der Preis für unsere Mobilität wäre. Und immerhin sind Anfang der 70er Jahre noch 20.000 Menschen in Deutschland im Straßenverkehr gestorben.

Damit sollte sich niemand zufriedengeben. Hinter den Toten und Schwerverletzten stecken dramatische Geschichten: Komplette Biografien werden umgekrempelt, Menschen, die aktiv im Leben stehen, sind plötzlich auf Hilfe angewiesen, Angehörige verzweifeln über den Tod oder die Handicaps ihrer Partner, Kinder oder Eltern.

Dagegen alles zu tun, was möglich ist, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Wenn irgendwann Computer verantwortungsbewusster und besser Autos lenken, als wir das heute tun, sollten wir das nutzen. Aber die Technik ist noch nicht ausgereift, auch die Software von Menschen gemacht – und damit anfällig für Fehler. Darum müssen wir alles tun, was uns möglich ist, um Unfälle zu vermeiden. Und dazu gehört auch, weniger aufs Gaspedal zu treten. Klingt so, als ob das zumutbar wäre. | Von Stefan Werding

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