Prozess in Duisburg
Tod im Gleisbett - Beschuldigter: «Schubse keine Frauen»

Eine Frau wird in Voerde am Niederrhein vor einen Zug gestoßen. Sie stirbt im Gleisbett. Vor Gericht bestreitet der Beschuldigte jetzt jede Absicht.

Donnerstag, 09.01.2020, 14:51 Uhr
Im Bahnhof Voerde war eine Frau im vergangenen Jahr vor einen einfahrenden Zug gestoßen worden. Foto: Martin Gerten

Duisburg (dpa) – Mit Handschellen gefesselt, das Gesicht hinter einer Strickjacke verborgen: So wird Jackson B. am Donnerstag in den Saal 201 des Duisburger Landgerichts geführt.

Knapp sechs Monate ist es her, dass der bullige Mann mit den kurzgeschorenen Haaren am Bahnhof von Voerde am Niederrhein eine Frau in den Tod gestoßen haben soll. Aus Mordlust, so die Staatsanwaltschaft.

Zugeben will der Beschuldigte dies aber nicht. «Ich schubse keine Frauen», lässt er seine Verteidigerin Marie Lingnau schon kurz nach Prozessbeginn erklären. Wenn überhaupt, dann müsse es sich um ein Versehen gehandelt haben.

Schlecht will es ihm an jenem Morgen des 20. Juli 2019 gegangen sein. «Mein Kopf hat sich gedreht, ich habe geschwankt», heißt es in der verlesenen Erklärung. «Ich kann mir höchstens vorstellen, dass ich mich bei der Frau abgestützt habe.»

Warum er vor Gericht nicht selbst sprechen will? «Er ist psychisch krank», hatte Lingnau schon vor Prozessbeginn erklärt. «Es gelingt ihm erst langsam, zu begreifen, dass eine Frau ums Leben gekommen ist.» Für den 28-Jährigen sei die Situation «sehr schwierig».

Es war rund 20 Minuten vor neun, als der in Deutschland geborene Serbe die 34-jährige Frau vor den einfahrenden Zug gestoßen haben soll. Die Mutter einer heute 14-jährigen Tochter hatte keine Chance. Der Notarzt kam gar nicht an sie heran, versuchte verzweifelt, ihr einen Fuß zu amputieren, um den Körper freizubekommen. Doch es gab keine Hoffnung. Die 34-Jährige starb noch im Gleisbett.

«Es wird wohl Jahre dauern, bis die Familie das verarbeiten kann», sagte Anwalt Reinhard Peters, der im Prozess die Schwester und den Ehemann des Opfers vertritt. Alle seien fassungslos. «Das war der absolute Albtraum.»

Ein 32 Jahre alter Automechaniker aus Voerde hatte den Beschuldigten damals sofort überwältigt. «Ich habe genau gesehen, wie er die Frau geschubst hat», sagt er im Gericht. Bei der Polizei hatte er es zuvor sogar noch drastischer formuliert: «Der Typ rannte in den Rücken der Frau, hatte beide Arme angewinkelt. Als er hinter ihr war, hat er beide Arme durchgedrückt und die Frau in Höhe der Schultern sehr feste geschubst.»

Ob sie den Angriff hätte bemerken können? «Nein», sagt der Zeuge im Prozess. «Ich bin mir sicher, dass sich die Frau nicht schützen konnte.» Der 28-Jährige war ihm damals schon vorher aufgefallen - auch weil er die Spitze eines Schraubendrehers in der Hand gehalten habe. Die habe er ihm noch abgenommen und weggeworfen.

Neun Kinder von zwei Frauen hat der Beschuldigte, der zuletzt in Hamminkeln bei Wesel wohnte. Das hat er einem Psychiater erzählt. Auch von Heroin und Kokain ist im Prozess die Rede. Dass der Mann psychisch krank ist, steht wohl fest. Es gibt keine Anklage, sondern wegen möglicher Schuldunfähigkeit eine sogenannte Antragsschrift. Das heißt: Statt einer Bestrafung kommt im Falle einer Verurteilung nur die Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie für Straftäter in Betracht. Die wäre allerdings unbefristet.

Die grausige Tat von Voerde hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt. Auf dem Bahnsteig wurden Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt – als Zeichen der Trauer.

Das Duisburger Schwurgericht hat für den Prozess zunächst noch drei Verhandlungstage bis zum 31. Januar vorgesehen.

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