Kriminelle nutzen Ängste
Corona-Krise: Interpol warnt vor gefälschten Produkten

Das Coronavirus hat nicht nur den Alltag rechtschaffener Bürger verändert - auch Kriminelle suchen neue Wege. Speziell ein Bereich bietet ihnen viele Angriffspunkte, wie der Generalsekretär der internationalen Polizeiorganisation erklärt.

Montag, 11.05.2020, 16:56 Uhr aktualisiert: 11.05.2020, 17:00 Uhr
«Es wird eine weitere große Welle geben, eine globale Welle, wenn wir im Bereich eines Impfstoffes vorankommen», sagt Jürgen Stock. Foto: Martin Baumann

Lyon (dpa) - Interpol-Generalsekretär Jürgen Stock warnt, dass sich Kriminelle die Entwicklung eines wirksamen Coronavirus-Medikaments zunutze machen werden.

Der illegale Handel mit gefälschten Produkten werde zunehmen, wenn ein Medikament in Sicht sei, das Heilung oder Linderung verspreche, sagte Stock der Deutschen Presse-Agentur. Ähnliches sei bereits bei gefälschten medizinischen Produkten wie Schutzmasken oder Desinfektionsmitteln zu sehen.

«Es wird eine weitere große Welle geben, eine globale Welle, wenn wir im Bereich eines Impfstoffes vorankommen», sagte der Generalsekretär der internationalen Polizeiorganisation.

Die weltweite Kriminalität habe sich schnell an die Coronavirus-Pandemie angepasst, so Stock. «In dem Sinne, dass sie die neuen Ängste, Sorgen und Nöte der Menschen ausnutzt, um sich im Hinblick auf kriminelle Aktivitäten neu zu orientieren.» Betroffen sei davon auch speziell das Gesundheitswesen - beispielsweise bei der Entsorgung kontaminierter Klinik-Abfälle.

«Wir sehen, dass organisierte Kriminelle in Asien gegenwärtig verstärkt versuchen, in diesen Markt einzudringen. Sie unterbieten sich im Preis, sie halten sich nicht an entsprechende Regularien und versuchen sozusagen, die legitime Wirtschaft zu unterwandern.» Stock geht davon aus, dass diese Praxis auch in anderen Teilen der Welt zu einem Problem werden könnte.

Interpol sitzt im französischen Lyon und ist mit 194 Mitgliedsländern die wichtigste Polizeiorganisation der Welt. Über Interpol tauschen Staaten Informationen zu gesuchten Personen aus und melden Entwicklungen im Bereich der organisierten Kriminalität.

Stock warnte, dass Kriminelle nun die Coronavirus-Krise auch für den sogenannten Enkeltrick ausnutzten und als vermeintliche Angehörige versuchten, alten Menschen Geld aus der Tasche zu ziehen. Die weltweiten Reise- und Ausgangseinschränkungen sind dem Interpol-Chef zufolge derzeit generell kein großes Hindernis für die Kriminalität.

Täter müssten sich «sehr häufig nicht einmal bewegen, sondern können schlichtweg das Internet oder die modernen Möglichkeiten der Telekommunikation ausnutzen», warnte Stock. Im Bereich der Drogenkriminalität gebe es teilweise Lieferengpässe, beispielsweise bei benötigten Substanzen zur Herstellung von Rauschgift - allerdings nur in einem kleinen Ausmaß, so der Interpol-Generalsekretär.

Kriminelle nutzen Stock zufolge auch im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern nun noch stärker das Internet. Wegen der Reiseeinschränkungen würden Taten beispielsweise vermehrt live gestreamt. Interpol habe für die Verfolgung dieser Taten eine spezielle Gruppe eingerichtet. Das Thema erhalte auch bei der Zusammenarbeit mit den einzelnen Mitgliedsstaaten große Beachtung, betonte Stock.

Mit Blick auf die Wochen der Corona-Auflagen sieht BKA-Chef Holger Münch derzeit keinen Anstieg von Gewalt und Missbrauch in der Familie oder im häuslichen Umfeld. Bei der Vorstellung einer speziellen Auswertung der Kriminalstatistik für das vergangene Jahr warnte Münch am Montag aber, die Daten seien «mit größter Vorsicht» zu interpretieren. «Das Dunkelfeld ist groß und wir wissen nicht, ob die Corona-Beschränkungen zu einer weiteren Vergrößerung führen.» Zugleich seien Kinder weniger im Kontakt mit Menschen wie Erziehern, Lehrern oder Kinderärzten, an die sie sich normalerweise wenden könnten, sagte Münch.

Interpol richtet nach Angaben von Generalsekretär Stock die Aufmerksamkeit derzeit auch besonders auf den Bereich der Cyberkriminalität. Er gehe davon aus, dass die Zahlen in diesem Bereich signifikant ansteigen werden. Dadurch, dass vorerst viele Menschen von zu Hause aus arbeiten, gebe es mehr Gelegenheiten, um beispielsweise in Rechner einzudringen und an wertvolle Daten zu gelangen, erklärte Stock. Interpol habe für das Thema Cybersecurity Experten-Gruppen und arbeite eng mit der Privatindustrie zusammen, erklärte der Generalsekretär.

Die Pandemie könne sich langfristig auf die weltweite Kriminalität auswirken, erklärte Stock - entscheidend sei dafür die wirtschaftliche Lage. Verlieren die Menschen wegen der ökonomischen Schwierigkeiten ihren Job, werde das auch einen Einfluss auf die Kriminalität haben. «Die Menschen werden sich neue Einkommensquellen illegaler Art erschließen.»

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