Merkwürdige Sprachkonstrukte und leckere Getränke
Das ist geblieben von der DDR

30 Jahre Deutsche Einheit: Trotz aller politischer Diskussionen ist längst wieder zusammengewachsen, was zusammengehört. Rede mal einer mit Menschen aus der Nach-Wende-Generation... Was ist geblieben von der DDR in unserem Alltag – und was vielleicht zu Unrecht verschwunden? Und was davon erkennen wir eigentlich als DDR-Hinterlassenschaft? Ein paar Beispiele aus ganz unterschiedlichen Bereichen des einigen Deutschlands.

Samstag, 03.10.2020, 15:30 Uhr aktualisiert: 03.10.2020, 15:38 Uhr
Die Jugendweihe – ein ostdeutsches Phänomen. Foto: dpa

Vom Hort bis zur Jugendweihe: Betreuung mit Plan

Es war und ist auch ein gesellschaftspolitischer Ansatz: In der ehemaligen DDR war die Betreuung von Kindern, die kaum älter waren als ein Jahr, Alltag. Staatliche Krippen, Horteinrichtungen, die Vorschule – alles war geregelt. Mütter sollten (und mussten angesichts des Arbeitskräftemangels) schnell wieder in die Volkseigenen Betriebe zurückkehren. Wer das nicht wollte, galt als Drückeberger. Und – fast noch wichtiger – den SED-Herrschern war es im Sinne des Sozialismus wichtig, schon die Kleinsten in staatliche Obhut zu bekommen. Die Indoktrination ging halt einfacher ohne Eltern, Großeltern, Freunde und wurde fortgeführt in der Schule, bei den Jungen Pionieren und in der FDJ. Dahinter stand ein Plan, ohne jeden Zweifel.

Doch natürlich nahmen viele Familien die staatliche Hilfe in Anspruch – und gewöhnten sich 40 Jahre lang daran, dass beide Elternteile wie selbstverständlich arbeiten gehen. Nach der Wende stellten sich zwei Fragen: Wie ist die Betreuung für die Kinder zu finanzieren? Und entspricht dieses Modell auch dem gesellschaftspolitischen Bild des jetzt wiedervereinigten Deutschlands? Fragen, die auch 30 Jahre nach der Einheit natürlich noch im Bewusstsein sind – genau wie die Entscheidung vieler Jugendlicher, im Teenager-Alter die Jugendweihe wieder zu feiern. Das Gegenstück zur Konfirmation oder Kommunion – im weitgehend kirchenfreien Osten nach wie vor für viele attraktiv. Gewohnheit spielt mit, überlieferte Tradition durch die Eltern, die Abkehr von Religion – aber bestimmt keine Sehnsucht der jungen Menschen nach der SED-Herrschaft. Im Westen findet die Jugendweihe keinen Anklang.


DDR-Sprache hat es nicht ins einige Deutschland geschafft

Gegessen wurden Broiler und Ketwürste. Am Wochenende ging’s in die Datsche (wenn’s gut ging). Unsere Sünden, seltener unsere Wundertaten, wurden in der Kaderakte verzeichnet. Nicht nur Sportler arbeiteten im Kollektiv. Mit Wink- und Sichtelementen wurden politische Meinungen verbreitet und Massendemonstrationen begleitet. Sie verstehen nur Bahnhof?

Kein Wunder: Es ist 30 Jahre her, dass diese Sprache wirklich gebraucht wurde. 40 Jahre DDR waren auch 40 Jahre Kampf gegen die Einheit, gegen deutsch-deutsche Gemeinsamkeiten. Das gilt nicht zuletzt für die Sprache. Mit ihrem fürchterlichen Bürokratendeutsch, ihren immer wiederkehrenden Aufzählungen von Ehrentiteln, ihren Wortneuschöpfungen wähnten sich die roten Herrscher auf dem richtigen Weg. 1970 zog Walter Ulbricht, der Sachse mit der Fistelstimme, schon ein Zwischenresümee. „Die ein­stige Gemeinsamkeit der Sprache ist in Auflösung begriffen“, befand der Erste Sekretär des Zentralkomitees der SED. 30 Jahre nach dem Ende der DDR wissen wir: Der Mann hat auch in dieser Frage geirrt.

Die ein­stige Gemeinsamkeit der Sprache ist in Auflösung begriffen.

Walter Ulbricht

Zwischen 800 und 3000 Stichwörter umfasst die Liste unterschiedlicher Wörter und Wortbedeutungen jener Zeit, haben seriöse Wissenschaftler errechnet. Geblieben sind ein paar Handvoll ostdeutscher Begriffe, die heute auch im Westen verwendet werden. Was zum einen daran liegt, dass es vieles nicht mehr gibt, was die Neuschöpfungen beschrieben. LPGs und VEBs sind (re-)privatisiert. ABVs, Abschnittsbevollmächtigte, eine Mischung aus Blockwart und Kontaktbereichsbeamtem, werden nicht mehr gebraucht. Jugendbrigaden sind verschwunden.

Viele andere Begriffe hatten es selbst in der DDR nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft. Beispiel „geflügelte Jahresendfigur“: Mit diesem Wortmonstrum hatte die Partei noch die letzte gedankliche Verbindung zu christlichen Festen eliminieren wollen. Aber das alles andere als dumme Volk hat es bestenfalls als Realsatire begriffen und höchstens mal spöttisch zitiert.

Geblieben sind Bezeichnungen für inzwischen historische Sachverhalte und ein paar Begriffe, denen wir es gar nicht mehr zutrauen: „Abnicken“ und „andenken“ gehören dazu. Und ein bisschen Landsmannschaftliches: Im Osten kann man immer noch einen Broiler bekommen. Ein Brathähnchen aber wohl auch. Eine der letzten Wortschöpfungen des Ostens freilich hat es an prominenter Stelle in unser gemeinsames Bewusstsein geschafft: Ausgerechnet Egon Krenz, der letzte Staatschef der DDR, hat die große Umwälzung 1989 als ­Erster „eine Wende“ genannt. 


So schmeckt der Osten: Früher war es Bückware

Feine Sachen aus der DDR? Gab es auch vor der Einheit schon. Manche gibt es heute in ganz Deutschland. Und manche gab es im Osten nur ausnahmsweise. Beispiel Radeberger: Das Pilsener Bier aus Sachsen, das sich schon König Friedrich August schmecken ließ, gab es zu DDR-Zeiten vornehmlich im Westen und als Bordgetränk auf internationalen Verbindungen bei der Interflug – und nur selten unter der Ladentheke in der DDR. Heute gehört die Radeberger Gruppe zu ­­­­Dr. Oetker.

Andersherum ging es bei der Rotkäppchen-Sektkellerei. Das Unternehmen aus Freyburg in Sachsen-Anhalt war mal Bestandteil des VEB Getränkekombinat Dessau – und ging später im Westen selbst aufs Einkaufstour. Heute gehören etwa Mumm, MM und Chantré zum Unternehmen. Und der Sekt ist Marktführer in Deutschland. Zu DDR-Zeiten war auch der Schaumwein absolute Bückware.

Einfacher kam man schon an Bautz’ner Senf. Der ehemals beliebteste Senf im Osten produziert noch heute 40 Millionen Becher im Jahr: Marktführer im Land mit einem Marktanteil von 70 Prozent im Osten und 23 Prozent gesamtdeutsch – und im Besitz der ­Develey Holding. Schmeckt gut – auch zu Hal­ber­städter Würstchen, die es ebenfalls längst in den Westen geschafft haben. Spreewaldgurken haben Krieg, DDR und Wende überlebt. Nur die Hersteller und ihre Namen wechselten. Statt VEB Spreewaldkonserve Golßen liefern heute wieder Privatunternehmen.

Und dann ist da noch Nudossi. Die Nuss-Nougat-Creme hat aus dem DDR-Mangel eine echte Tugend gemacht. Weil Haselnüsse leichter zu bekommen waren als künstliche Aromen, liegt der Nussanteil bei Nudossi mit 36 Prozent weit über dem der bekannteren Konkurrenten (Nutella: 13 Prozent). Das Geheimnis des Erfolgs – viele Wessis sind umgestiegen.


Komplexe Vergangenheitsbewältigung im Sport

Als Franz Beckenbauer nach dem WM-Finale 1990 in Rom in Gedanken versunken über den Rasen spazierte, zählte er einfach einmal eins und eins zusammen. Just hatte er als Teamchef der deutschen Mannschaft die komplette Fußball-Welt hinter sich gelassen. Und nun kamen auch noch die Spieler aus der DDR dazu. Blitzschnell addierte der Kaiser im Flutlicht das Potenzial und präsentierte alsbald das Ergebnis der simplen Rechnung. „Auf Jahre hinaus wird unsere Nationalmannschaft unschlagbar sein“, gab er sodann als Botschaft an die staunende Konkurrenz heraus.

Nun, Beckenbauer war gewiss ein herausragender Fußballer, als Prophet taugt er nicht. Schon im Juni des folgenden Jahres ging ein EM-Qualifikationsspiel gegen Wales verloren, bei der WM 1994 strichen die Unbesiegbaren im Viertelfinale gegen Bulgarien die Segel.

Blühende Landschaften versprach Bundeskanzler Helmut Kohl nach der Wiedervereinigung. Für den gesamtdeutschen Sport waren die Felder da bereits bestellt. Bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften hagelte es zunächst Medaillen. Inwieweit sich die Nachwirkungen des Leistungssport-Systems der DDR mit all seinen betrügerischen Auswüchsen noch in den Bilanzen widerspiegelte, ist nicht wirklich belegbar.

Blühende Landschaften – mit der Zeit ist auf dem Territorium des ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaates einiges verwelkt. Traditionsreiche Fußball-Clubs sind nur noch drittklassig oder komplett in der Versenkung verschwunden. Henry Maske beklagte mehrfach Mängel in der Sportförderung. „In der DDR war es deutlich besser“, konstatierte der Weltmeister und Gentleman-Boxer. Katarina Witt, einst von einem Amerikaner als schönstes Gesicht des Sozialismus beschrieben, mahnte Differenzierung im Umgang mit der Vergangenheit an. „In der DDR war vieles nicht in Ordnung, aber wir sollten aufhören, das Leben in der DDR auf die Defizite zu beschränken“, sagte der in Brandenburg geborene Eiskunstlaufstar. Ende gut – alles gut? Sicher nicht! 

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