CEO Zielke geht
Keine schnelle Lösung der Commerzbank-Führungskrise in Sicht

Die Commerzbank steckt in der Krise. Gleich an zwei zentralen Stellen braucht der Konzern neue Manager - und das ausgerechnet mitten in der Diskussion um harte Einschnitte.

Mittwoch, 08.07.2020, 20:20 Uhr aktualisiert: 08.07.2020, 20:24 Uhr
Der Aufsichtsrat der Commerzbank steht vor schwierigen Personalentscheidungen. Foto: Frank Rumpenhorst

Frankfurt/Main (dpa) - Eine schnelle Lösung der Führungskrise bei der Commerzbank ist nicht in Sicht. Auch nach mehrstündigen Beratungen des Aufsichtsrates am Mittwoch blieb zunächst weiterhin unklar, wer bei dem teilverstaatlichten Frankfurter MDax-Konzern weitere Einsparungen vorantreiben soll.

Die Sondersitzung des Kontrollgremiums dauerte am Nachmittag noch an. Am Freitag hatten überraschend sowohl Konzernchef Martin Zielke als auch der Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Schmittmann ihren Rücktritt angekündigt. Zielke, der die Bank seit Mai 2016 führt, hatte eine einvernehmliche Auflösung seines bis November 2023 laufenden Vertrages spätestens zum Ende des laufenden Jahres angeboten. Schmittmann wird sein Mandat bereits zum 3. August 2020 niederlegen.

Nach Informationen der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» will jedoch keiner der amtierenden Aufsichtsräte neuer Vorsitzender des Kontrollgremiums werden. Das Kontrollgremium habe die vom Bund in den Aufsichtsrat entsandte Jutta Dönges beauftragt, ein neues Mitglied für das Kontrollgremium zu finden, schrieb die Zeitung am Mittwochabend. Dönges ist Geschäftsführerin der Bundesrepublik Deutschland - Finanzagentur, die die Schulden des Bundes verwaltet.

Die externe Suche nach einem möglichen neuen Chefkontrolleur verzögert allerdings den weiteren Prozess. Denn erst nach der Neubesetzung des Aufsichtsratsvorsitzes soll Insidern zufolge über Zielkes Nachfolger entschieden werden.

Zielke und Schmittmann reagieren mit ihrem Rückzug auf heftige Kritik von Investoren - namentlich des Großaktionärs Cerberus - am Kurs der Bank. Der US-Fonds hatte der Konzernführung vorgeworfen, «über Jahre eklatant versagt» zu haben. Cerberus ist mit gut fünf Prozent zweitgrößter Aktionär der Commerzbank - nach dem deutschen Staat, der seit der Rettung des Instituts mit Steuermilliarden in der Finanzkrise 2009 größter Anteilseigner mit derzeit 15,6 Prozent ist.

Cerberus hatte am Montag vor Schnellschüssen bei der Neubesetzung der Konzernspitze gewarnt. «Das plötzliche Ausscheiden des Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank erfordert ein geordnetes Nachfolgeverfahren zur Besetzung der vakanten Positionen», hatte ein Vertreter des US-Finanzinvestors gesagt. «Zuerst muss ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender gefunden werden, gefolgt von einem formellen, vom Aufsichtsrat geführten Prozess, um einen Nachfolger für den Vorstandsvorsitzenden zu bestimmen.»

Aufsichtsratsmitglied Stefan Wittmann hatte vor der Sondersitzung am Mittwoch dem Deutschlandfunk gesagt: «Ich glaube nicht, dass wir uns inhaltlich mit der Strategie beschäftigen können.» Verdi-Vertreter Wittmann sagte in dem Interview: «Ich erwarte von der heutigen Sitzung, dass personelle Fragen geklärt werden, dass wir einen Ausblick kriegen mit einer Zeitschiene, wie es jetzt weitergehen soll, und dass wir uns mit der Strategie dann beschäftigen, wenn wir wissen, wer sie zu verantworten hat.»

Zielke hatte eingeräumt, dass die im Herbst beschlossenen Maßnahmen nicht durchschlagend genug waren, um die Bank im Zinstief profitabler zu machen. Er wolle den Weg für einen Neuanfang frei machen: Nötig sei ein tiefgreifender Umbau und dafür ein neuer Vorstandschef, «der vom Kapitalmarkt auch die notwendige Zeit für die Umsetzung einer Strategie bekommt», begründete Zielke seinen Rückzug.

Als aussichtsreiche interne Kandidaten für den Posten des Chief Executive Officer (CEO) gelten der seit Januar als Firmenkundenvorstand tätige Roland Boekhout, ehemals Chef der Direktbank ING-Diba (heute ING Deutschland). Außerdem Finanzvorständin Bettina Orlopp. Aber auch externe Kandidaten könnte der Aufsichtsrat in Erwägung ziehen.

Wer immer Zielke beerbt, wird schmerzhafte Einschnitte vorantreiben müssen. Auf dem Tisch liegen dem Vernehmen nach Pläne zu einer drastischen Verschärfung des im Herbst vorgelegten Sparkurses. Die Zahl der zuletzt knapp 40.000 Vollzeitstellen könnte demnach um bis zu ein Viertel gekappt werden. Das Filialnetz soll erheblich verkleinert werden: Von ursprünglich 1000 Standorten könnten demnach gerade einmal 200 übrig bleiben, in denen Kunden sich beraten lassen können. Aber auch das Auslandsgeschäft soll eingedampft werden - nach dem Motto «weniger Masse, mehr Klasse». Dies könnte 1000 bis 1500 Vollzeitstellen im Firmenkundenbereich kosten.

Zielke selbst will dem Institut im Fall einer vorzeitigen Auflösung seines Vertrages finanziell entgegenkommen. Der Vorstandschef habe intern angekündigt, bei seinem Abschied auf eine variable Vergütung von rund 1,5 Millionen Euro zu verzichten, die ihm vertraglich zustehen würde. Entsprechende Informationen des «Handelsblattes» wurden der Deutschen Presse-Agentur in Finanzkreisen bestätigt.

Dennoch wird Zielke - abhängig von seinem genauen Austrittstermin - voraussichtlich einen mittleren einstelligen Millionenbetrag erhalten: Sein Vertrag sieht vor, dass er sein jährliches Grundgehalt von zuletzt gut 1,67 Millionen Euro bis zum Ende der Laufzeit des Kontraktes weiterhin bezahlt bekommt. Die Commerzbank wollte sich nicht zu diesen Informationen äußern.

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