Rückschlag für Fintech-Star
Rekord-Börsengang von Alibabas Ant Group geplatzt

Es sollte der größte Börsengang aller Zeiten werden. Doch setzten die Aufsichtsgremien das Doppellisting des Alibaba-Ablegers Ant Group überraschend aus. Soll der Fintech-Star ausgebremst werden? Hat Gründer Jack Ma die chinesischen Finanzhüter verärgert?

Dienstag, 03.11.2020, 17:58 Uhr aktualisiert: 03.11.2020, 18:00 Uhr
Die Ant Group wollte mit einem Aktienverkauf im Wert von 34,5 Milliarden Dollar den weltweit größten Börsengang starten. Nur zwei Tage vor dem geplanten Börsengang hat der Shanghaier Aktienmarkt das Debüt platzen lassen. Foto: Kin Cheung

Shanghai (dpa) - Nur zwei Tage vor dem geplanten Rekord-Börsengang des Finanzablegers der weltgrößten Online-Handelsplattform Alibaba ist das Debüt in Shanghai und Hongkong geplatzt.

Das mit Spannung erwartete Doppellisting der Ant Group sollte den Erwartungen nach mit 34,5 Milliarden US-Dollar (29,2 Mrd Euro) der größte Börsengang aller Zeiten werden. Der Fintech-Riese betreibt den populären mobilen Bezahldienst Alipay. Die Aufsichtsgremien der Börsen in Shanghai und Hongkong setzten die Börseneinführung aber überraschend vorerst aus.

Die Shanghaier Börse begründete den Schritt am Dienstagabend Ortszeit damit, dass sich das «aufsichtsrechtliche Umfeld» bedeutend geändert habe. Das könnte dazu führen, dass Ant Group die Bedingungen für den Börsengang und die Offenlegungspflichten nicht erfüllen könnte. Ant Group teilte nach Angaben der Finanzagentur Bloomberg mit, dass auch das Debüt in Hongkong gestoppt worden sei.

Am Vortag waren der Alibaba-Gründer Jack Ma und andere Führungskräfte des Unternehmens von Chinas Zentralbank und anderen Aufsichtsbehörden vorgeladen worden. Es sei um «die Gesundheit und Stabilität des Finanzsektor» gegangen, hieß es hinterher. Ant Group wolle die dabei ausgetauschten Meinungen umsetzen, teilte das Unternehmen danach mit. Es blieb aber unklar, was die Anweisungen gewesen sind.

In dem Treffen wurde Milliardär Ma und seinen Managern nach Angaben der Finanzagentur Bloomberg mitgeteilt, dass sich Ant Group bei seiner Expansion den gleichen Beschränkungen hinsichtlich Kapital und Verschuldung unterwerfen müsse wie chinesische Banken. Es ferner zudem spekuliert, dass sich der Milliardär Ma, Chinas zweitreichster Unternehmer, den Zorn der Finanzhüter auf sich gezogen haben könnte.

Die ungewöhnliche Vorladung folgte auf scharfe Kritik von Ma, der lokalen und globalen Regulierungsbehörden kürzlich in einer Rede vorgeworfen hatte, Innovation zu bremsen und neuen Entwicklungen nicht genug Aufmerksamkeit zu schenken. «Gute Innovation hat keine Angst vor Regulierung, aber sie hat Angst vor veralteten Vorschriften», wurde Ma zitiert. Die Zukunft dürfe nicht «mit Methoden von gestern» reguliert werden.

Das geplante Aktiendebüt hätte mit 34,5 Milliarden US-Dollar den bislang größten Börsengang von Saudi Aramco in Höhe von 29 Milliarden Dollar übertreffen können. Der saudische Ölriese hatte im Dezember 2019 allerdings nur 1,5 Prozent seiner Anteile verkauft. Die Ant Group wäre mit dem Börsengang mehr als 200 Milliarden US-Dollar wert gewesen. Kein anderes Fintech-Unternehmen wird derart hoch bewertet.

Ant Group betreibt in China nicht nur den mobilen Bezahldienst Alipay, sondern bietet auch Kredite, Versicherungen und Vermögensverwaltung an. Den mobilen Bezahlmarkt teilt sich Alipay mit der Konkurrenz von Wechat-Pay des chinesischen Internetkonzerns Tencent. Das Milliardenvolk bezahlt heute in Geschäften meist nur noch mit dem Handy, indem ein Code eingescannt wird - sei es «Weixin» für Wechat oder «Zhifubao» für Alipay.

Die Alipay-App hat 711 Millionen monatliche Nutzer - eine Milliarde insgesamt. Auch in Europa wird Alipay von Tausenden Einzelhändlern akzeptiert, um chinesische Touristen anzulocken. In Deutschland bieten die Drogerieketten dm und Rossmann sowie die WMF-Gruppe, der Kaufhof oder der Flughafen München die Zahlung mit Alipay an.

Mit Hongkong und Shanghai hatte die Ant Group die amerikanischen Börsen umgehen wollen - eine Neuerung für ein derart großes chinesisches Technologie-Unternehmen. Das Vorgehen wurde vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen China und den USA gesehen. Nach einigen Skandalen wollen die US-Aufsichtsbehörden chinesischen Unternehmen künftig auch tiefer in die Bücher schauen als bisher. Alibaba selbst war 2014 in New York an die Börse gegangen. 2019 erfolgte die Zweitnotierung in Hongkong.

Die Verschiebung des Börsengangs ist auch ein Rückschlag für die neue Technologiebörse Star in Shanghai, die als das chinesische Gegenstück zur Nasdaq in den USA gegründet worden war.

© dpa-infocom, dpa:201103-99-196330/2

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